20. Dezember 2017

Für sich einstehen!

Das Jahr ist fast vorbei und trotzdem habe ich es noch in den letzten Zügen geschafft, für mich eine Lektion zu lernen und einen großen Fortschritt zu machen.
Ich habe eine Erfahrung gemacht durch die ich mich um einiges erwachsener fühle...

In meinem Unternehmen besteht die Weihnachtsfeier immer aus zwei Teilen. Zum Einen ist da ein gemütliches Weihnachtsessen in einem Restaurant. Zum Anderen wird ein Musical-Besuch geplant.
Ich arbeite nun seit 3 Jahren in diesem Unternehmen und bin durchaus sehr zufrieden dort. Aber diese Musical-Besuche stressen mich wirklich.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß vielleicht noch, wie sehr mich vor allem die Weihnachtsfeier von 2015 belastete. Ich hatte eine Landstraßenfahrt von 1,5 Stunden im Schnee vor mir, musste in einem Hotel übernachten und hatte einige, längere Fußwege zu bezwingen.
Jaja, ich weiß... das klingt ja grauenhaft.... gar fürchterlich 😉... aber mal im ernst: Wenn man ständig Angst davor hat, keine Toilette aufsuchen zu können wenn man möchte, dann ist das alles echt eine Mammutsaufgabe. (schaut hier).

Auch für dieses Jahr sollte die Weihnachtsfeier in der gleichen Location stattfinden. Also wieder die Fahrt über die Landstraße. Wieder das gleiche Hotel.

 

Angesprochen wurde diese Planung beim Weihnachtsessen im Restaurant. Ich wurde total überrumpelt und sagte zu. Die Tage danach ging mir das Ganze mehrfach durch den Kopf. Ich fühlte mich...
...schlecht und bekam schon Herzrasen, wenn ich nur dran dachte.
Das ganze Wochenende überlegte ich mir Auswege, wie ich mich vor dieser Situation drücken könnte, aber mir fiel einfach nichts ein.

Ich muss dazu sagen: Ich arbeite in einem kleinen Unternehmen, welches aus 2 Vorgesetzten und 2 Bürodamen (inkl. mir) besteht. Aufgrund der Mitarbeiterzahl und der Tatsache, dass ich einen wirklich sehr kulanten und netten Chef habe, fallen die Weihnachtsfeiern relativ üppig aus UND es wird sehr viel wert auf Anwesenheit gelegt. Schon beim Vorstellungsgespräch wurden mir die ausgiebigen Weihnachtsfeiern angekündigt, was ich allerdings zu dem Zeitpunkt noch belächelte.

Nun ja... jetzt stand ich eben da.... mit einem Kloß im Hals, Druck auf der Brust und dem Gefühl, mich wieder zu etwas zu zwingen, was ich nicht möchte. Ich wollte nicht wieder in die Großstadt fahren. Wollte nicht wieder eine Nacht woanders verbringen. Wollte nicht den Abend mit dem Gefühl verbringen, mich anpassen zu müssen. Und wofür das alles? Für ein Musical, welches mich nicht sonderlich interessiert (Ich bin sowieso nicht so die Theater- und Musical-Liebhaberin).

Als ich dann an dem ersten Arbeitstag nach dem Restaurantbesuch im Büro saß und meiner Arbeit nachging, stand plötzlich mein Chef in der Tür. Eigentlich hatte er einen Termin und eigentlich hätte er gar nicht ins Büro kommen sollen. Aber nun stand er dort und wollte noch ein paar Akten durcharbeiten, bevor er nach Hause fuhr.
Er schnappte sich einen Stapel Unterlagen und verschwand in seinem Büro.
Mir war klar, dass dies meine letzte Chance sein würde, mit ihm reden zu können, bevor die Musicalkarten bestellt werden würden.

Ich ging also unter einem Vorwand in sein Büro und erklärte ihm, dass ich noch ein Anliegen hätte.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Meine größte Sorge war, ihn zu enttäuschen und vor allem, undankbar zu wirken. Das wollte ich auf keinen Fall, da man aufgrund meiner Erkrankung schon Rücksicht auf mich genommen hat (Mein Chef wählte extra ein Musical in der "Nähe", obwohl er auch Musicals in Berlin oder Hamburg im Auge hatte UND das Hotel hat er nur wegen mir in Betracht gezogen, da er wusste, dass ich nachts nicht über die dunklen Landstraßen nach Hause fahren wollte).

Mein Chef sah mich mit großen Augen an. "Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll und ehrlich gesagt bin ich deswegen wirklich sehr nervös" sagte ich. "Nicht nervös sein. Einfach raus damit" sagte mein Chef. Und nun stand ich dort und wusste... jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück.
Mit rotem Kopf, schwitzigen Händen und trockenen Mund brachte ich die Worte raus, die ich mir seit 3 Jahren verkniffen habe.
"Ich möchte nicht mit zum Musical!"

Während ich diese Wort aussprach, merkte ich, wie einerseits die Angst anstieg und andererseits gefühlt 5kg Ballast von mir abfiel.

Diesen Schritt zu wagen, war für MICH zumindest eine riesige Sache.
Ich versuche viel zu oft anderen Menschen etwas recht zu machen. Gerade in meinem Arbeitsverhältnis bin ich darauf bedacht, meine Aufgaben so gut es geht zu erfüllen. Und mein Chef soll wissen, dass er sich auf mich verlassen kann.
Ihn zu enttäuschen, obwohl er so nett ist, hätte mir auf eine gewisse Art und Weise das Herz gebrochen.

Aber weil er so nett ist (und er wahrscheinlich auch die Tränen in meinem Augen sah, als ich ihm erklärte, wie sehr mich diese Trips belasten) verstand er auch, wie ernst es mir war.
Es war kein Problem!

3 Jahre habe ich das mit mir herumgetragen und wofür? Weil ich dachte zu wissen, was er denken würde...
So ein Blödsinn!

Aber dieses Ereignis hat mich ein gelehrt... ich muss zukünftig einfach öfter für mich einstehen. Für mich, meine Erkrankung, meinen Willen.
Immer ja und Amen zu sagen... aus Angst... ist keine Lösung, wenn man sich deswegen quält / belastet.

Ich muss lernen, öfter einfach mal "Nein" zu sagen. Einfach für mich.
Ich war so stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich mich getraut habe, obwohl ich so einen Respekt vor dieser Situation hatte.

Ich habe Blut geleckt...

Mal sehen, ob ich diesen Vorsatz in Zukunft öfter umsetzen kann.

Bis dahin...

L.H.P.

Kommentare:

  1. Mhm... Irgendwie muss ich gerade an "zurückziehen" und an "Problem aus dem Weg gehen" denken. Das kann man machen, wenn es sein muss;- aber ich denke auf Dauer kann es dazu führen, dass du viele tolle Dinge einfach verpasst.
    Versuch es einfach nächstes Jahr, wenn du weißt wie der Hase alleine läuft :D

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    1. Natürlich kann es den Eindruck erwecken, aber ich hatte auch ein Leben vor der Erkrankung und da gehörten Musical- und Theaterbesuche nicht dazu. Es ist also nichts, was ich vermisse oder missen werde. Abgesehen davon, dass ich das in der Vergangenheit bereits schon 3 Mal über mich ergehen lassen hab. Aber ich gebe dir recht... man könnte meinen, ich gehe meinem Problem aus dem Weg.

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