28. Juni 2017

Kleine Schritte nach Vorne

Nachdem ich nun im Krankenhaus die Bestätigung erhalten habe, dass organisch bei mir alles in Ordnung zu sein scheint, musste ich diese Mitteilung erst einmal sacken lassen.
Natürlich hatte ich mit keinem anderen Ergebnis gerechnet, dennoch hoffte ich insgeheim, dass man vielleicht doch irgendetwas finden würde... etwas kleines, winziges... etwas, was meinen Zustand begünstigt oder gar mein Körpergefühl verursacht. Aber nein, am Ende ist es doch rein psycho-somatisch. Der Kopf steuert, was der Körper fühlt.

Ich habe also nun die Gewissheit und muss für mich jetzt endgültig einen Weg finden, damit zurecht zu kommen. Ich möchte irgendwann einmal wieder so leben können, wie ich es früher getan hatte... mich frei fühlen. Frei im Sinne von: Im Hier und Jetzt sein und nicht im "was wäre, wenn ich zum ungünstigsten Zeitpunkt zur Toilette müsste...?".

Aufgabe ist es für mich, mich schrittweise meinem Ziel zu nähern. Mich nicht zu überfordern. Mich von Rückschlägen nicht fertig machen zu lassen. Nur nach vorne und nicht zurück... so lautet mein Mantra. Nicht immer in die Ferne schauen und Horrorszenarien ausmalen. Schritt für Schritt die täglichen Aufgaben des Lebens angehen und somit viele kleine Teilerfolge verbuchen, anstatt große Rückschläge. 


Vor etwa 2,5 Jahren habe ich bereits beschrieben, wie ich mit der Angst der Harninkontinenz im Alltag zurechtkomme (hier). Ich trage...

 ... Einlagen. Wenn ich das Haus verlasse, während der Arbeit, beim Sport und auch zuhause sowie in der Nacht. Ich habe mich schon so daran gewöhnt, dass ich mich teilweise nackt fühle, wenn ich sie nicht trage. 
Bei mir gab es in den letzten Jahren nur "mit dicker Einlage" und "mit dünner Einlage". In für mich entspannten Situationen (zuhause, beim Schlafen...) habe ich immer auf die "light" Variante zurückgegriffen und eben in anderen Situationen (einkaufen, arbeiten, Frisör etc.) zu den dickeren Einlagen. 

Und da ist der erste Punkt bei dem ich angefangen habe, mir wieder etwas Freiraum zu erarbeiten. Seit nun einer Woche trage ich zuhause keine Einlagen mehr. Für jemanden, der mit der ganzen Problematik nichts zutun, klingt das wahrscheinlich total bekloppt, aber ja... ich bin seit Jahren zuhause wieder "Einlagenfrei" und das fühlt sich gut an. 

Die ersten Tage waren komisch. Ich fühlte mich tatsächlich nackt, unsicher und merkte immer wieder, wie ich mich gedanklich kaum von meiner Blase entfernen konnte. Ständig hinterfragte ich mein Körperempfinden und ging lieber einmal zu viel zur Toilette...
Am dritten Tag war ich schon soweit, dass ich froh war, wenn ich nach Hause kam und die Einlage herausnehmen konnte. 

Ich hatte in der Vergangenheit bereits einmal diesen Schritt gewagt, habe aber immer wieder gemerkt, wie ich mich selbst verarschen wollte (entschuldigt den Ausdruck). Ich trug zuhause keine Einlagen und fand immer wieder Gründe, warum ich sie hin und wieder doch benutzte, z.B. beim Sport. Ausrede dabei war, dass ich mich damit sicherer fühlte und mich beim Sport ja auch wirklich auf das konzentrieren möchte, was ich da tue und nicht, auf das, was ich gerade empfinde. 
Aber das war Quatsch. Im Endeffekte überlistete ich mich selbst und verfiel wieder so in gewohnte Muster.

Diesmal ist es allerdings anders. Ich werde es durchziehen. In der letzten Woche habe ich 4 Mal zuhause Sport betrieben und kein einziges Mal nach dem gewohnten Hilfsmittelchen gegriffen. Und was soll ich sagen?! Es war nicht wie erwartet. Ich konnte mich voll und ganz mit meinem Sport beschäftigen und war gedanklich auch bei der Sache. Die Einlagen bzw. die fehlenden Einlagen spielten überhaupt keine Rolle und somit gab es keinerlei Gründe für mich, mich wieder selbst verarschen zu wollen.

Auch beim Autofahren merke ich, dass ich lockerer geworden bin. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt, aber ich höre Musik, schaue mir meine Umgebung an und denke zu 90% der Zeit nicht an meine Blase. 

Ebenso hat sich mein Toilettenverhalten größtenteils geändert. Ich möchte jetzt nicht so arg ins Detail gehen, aber ich habe mir zur Aufgabe gesetzt, die Toilettengänge wieder als solches zu sehen, was sie sind. Toilettengänge eben. Werbepausen des Lebens ;-) Ein kurzer Boxenstop bevor es weitergeht. 
Die Toilette ist keine Zufluchtsstätte oder ein Grund, sich lange Zeit mit sich selbst auseinanderzusetzen. Kurz und knapp halten ist die Devise und das kriege ich bisher ziemlich gut hin (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Ich bin aktuell ziemlich positiv gestimmt und ich hoffe, dass es so weitergeht. 

Ganz liebe Grüße

L.H.P. 

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