23. März 2016

Not fördert Überwindung

Letzte Woche passierte etwas, was für mich im Bezug auf meine Erkrankung den absoluten Horror bedeutete...
Aber ich fange einmal von Vorne an:

Als ich Donnerstag nach der Arbeit das Büro verließ, um mich auf den Heimweg zu begeben, stellte ich mit erschrecken fest, dass mein Wagen nicht ansprang. Nach mehrmaligen Versuchen tat sich nichts. Es schien allerdings auch nicht die Batterie leer zu sein, also war ich zu Beginn etwas ratlos.
Was blieb mir also? Ich rief den Pannendienst an.
Nachdem ich 90 Minuten wartete, kam ein Herr vorbei, welcher sich fast eine Stunde lang meinen Wagen ansah und das Problem suchte.
Vergebens! Mit einem "Da kann ich Ihnen hier leider nicht weiterhelfen" rief er einen Abschleppwagen und fuhr davon.




In dem Moment schlug mir das Herz bis zum Hals, ich verspürte einen massiven Druck auf der Brust und ich war den Tränen nah.
Der Verlust meines Autos bedeutet für mich, dass...

... ich meinen Arbeitsplatz nicht erreichen kann, dass ich nicht einkaufen kann und vor allem, dass ich nirgendwohin komme.
Jeder andere würde auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Aber für mich war das undenkbar, da ich mit meiner Blase die Vorstellung des Busfahrens als absolut grenzwertig empfand.
Aber nun gut... ich stand also dort und musste mir überlegen, was ich nun tue.
Fakt war: Mein Wagen wird abgeholt, ich befand mich in der Nachbarstadt und hatte keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll und mein Wagen würde in eine andere Stadt gebracht werden.
Ich rief also in der Werkstatt an, erfragte, ob ich meinen Wagen dorthin bringen lassen könnte und sah anschließend meine Kontakte durch, wen ich anrufen könnte, damit er mich abholt.
Da kam dann das nächste Problem. Wenn die Eltern sich im Urlaub befinden und man keine Freunde hat, steht man ziemlich doof da. Ich war verzweifelt.

Also schrieb ich Arbeitskollegen meines Vaters an. Männer, die ich mehr oder minder kannte, die aber ein gutes Verhältnis zu meinen Vater haben. Und nach längerem Warten hatte ich Glück. Direkt 2 Herren meldeten sich zurück und baten mir Hilfe an. Beide waren über den Urlaub meiner Eltern und auch über meine gesundheitliche Einschränkung informiert. Um das Ganze etwas abzukürzen:
Der Wagen wurde abgeholt, bei der Werkstatt ohne mein Beisein abgeliefert und mich holte ein freundlicher Herr ab, welchem ich sehr zu Dank verpflichtet war.

Da ich meinen Arbeitsplatz in den darauffolgenden Tagen nicht erreichen konnte, informierte ich meinen Arbeitgeber und nahm ich mir kurzfristig Urlaub.
Damit war mein Problem aber noch nicht gelöst.
Da meine Eltern im Urlaub sind, ist es meine Aufgabe, deren Katzen täglich zu versorgen.
Nun ist mein Elternhaus nicht fußläufig zu erreichen und ohne Auto ist das wirklich ein Problem.
Aber wie sollte ich nun zu den Katzen gelangen? Ich konnte ja auch nicht sagen "Ich überlasse sie ihrem Schicksal". Ich musste mich also mit dem Gedanken auseinandersetzen, Bus fahren zu müssen.
Schon allein der Gedanke machte mir Angst.
Seit 9 Jahren habe ich keinen Bus mehr von innen gesehen und an meinem aktuellen Wohnort sind die Bushaltestellen auch nicht direkt in unmittelbarer Nähe. Egal,
ich hatte keine Wahl.

Ich versuchte also die schwierige Situation so einfach wie möglich für mich zu gestalten.
Ich suchte mir die nächste Bushaltestelle raus, schaute nach, wann die Busse dort fahren und welcher Bus am schnellsten das Ziel erreicht.
Dann schaute ich nach, wie lange ich ungefähr bis zur Haltestelle benötige, um die Wartezeit an der Haltestelle so gering wie möglich zu halten.
Gemacht, getan.

Ich ging also los, versuchte mich schon auf dem Weg zur Haltestelle abzulenken. Ich sah mir die Straße genau an, in der ich schon nun seit einigen Jahren lebe. Die Fassaden der Häuser, die verschieden gestalteten Fenster, die Eingangstüren, die teilweise wirklich sehr schön (typisch Altbau) verziert sind. Es ging ziemlich bergab, was sich auch nach einer Weile bei meinen Waden bemerkbar machte. Gut gut... alles lenkt ab. 
An der Haltestelle angekommen, zückte ich mein Handy, um noch einmal die Busverbindung zu checken. Und siehe da... natürlich kam der Bus nicht pünktlich. Die erste Busfahrt nach 9 Jahren und schon hat der Bus 14 Minuten Verspätung. Hin und her gerissen von meinen Gedanken, ob ich gehen oder bleiben soll, entschied ich mich in der Situation zu verharren. 
Ich hatte mir ein Minzbonbon eingepackt, welches ich nach einer Weile auch direkt dazu nutzte, mich gedanklich vom Warten abzulenken. 

Ich schaute wieder aufs Handy... aus 14 Minuten wurden plötzlich 22 Minuten Verspätung und ich entschied mich wieder nach Hause zu gehen. Ich hatte zwar eine ganze Weile schon gewartet, aber die eigentliche Schwierigkeit stand mir ja noch bevor... die Busfahrt.

Ok, zuhause angekommen ging ich erneut zur Toilette, schaute auf den aktuellen Busfahrplan und sah, dass der nächste Bus in 17 Minuten kommen sollte. Ich blieb also ein paar Minuten daheim, bevor ich mich erneut auf den Weg zur Bushaltestelle machte. 
Dort wartete ich 3 Minuten und schon kam der Bus. Diesmal hatte ich Glück.
Im Bus angekommen ließ ich mir zu erst einmal vom Busfahrer erklären, welches Ticket ich nun brauchte. Ich erklärte ihm, dass ich seit 9 Jahren nicht mehr Bus gefahren bin, woraufhin er direkt darauf kam, dass mein Auto kaputt sein müsste. Direkt durchschaut. 
Die ganze Fahrt über hatten wir ein wirklich nettes Gespräch. Er hat es mir wirklich leicht gemacht, die erste Fahrt angstfrei zu managen. Und zack... schon war ich an meinem Ziel angekommen. 

Diese erste Fahrt machte es mir so leicht, immer und immer wieder in den Bus zu steigen.
Mein Auto befand sich insgesamt 5 Tage in der Werkstatt. Das hieß für mich, 9 Busfahrten.
Natürlich war ich zwischenzeitlich mal nervös. Gerade, wenn der Bus sehr voll war oder kreischende Kinder mir den letzten Nerv raubten.
Aber im Ganzen habe ich diese für mich undenkbare Situation super gemeistert.
Ich war wirklich erstaunt.

Andererseits habe ich mein Auto auch wieder viel mehr lieben gelernt.
Selbst entscheiden zu können, wann man wie wohin fährt, ist schon Luxus.
Diese Unabhängigkeit, obwohl man sich dann doch wieder von seinem Gefährt abhängig macht...
Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar über diese Erfahrung, denn es hat mir gezeigt, dass eine zuvor aussichtslose Situation doch irgendwie zu regeln ist.

Ich fühlte mich seit Langem mal wieder wie ein "normaler" Teil unserer Gesellschaft. Ich tat das, was viele Menschen Tag für Tag tun und fiel dabei nicht mal auf.
Wenn ich mit meinem Auto schon mal an den Bushaltestellen vorbeifuhr und die Menschen dort stehen sah, dachte ich oftmals; "Irgendwie beneidenswert, dass sie das so einfach können" und plötzlich gehörte ich wieder dazu.

Auf jeden Fall war dieses Erlebnis nach den vielen Einkaufsdisastern echt schön.
So darf es gerne weitergehen.

Gehört ihr zu den Auto- oder zu den Bus-/Bahnfahrern? Was bevorzugt ihr?

Liebe Grüße
L.H.P.

Kommentare:

  1. Hallo
    Erst einmal Glückwunsch, dass du dich überwunden hast und selbst nach der ersten Wartezeit und erneuter Heimkehr nochmal zur Haltestelle bist! Ich bin ja eine Bahnfahrerin. Da ich weder Führerschein noch ein Auto habe, bleibt mir auch nichts übrig. In der Stadt fährt zum Glück immer etwas. Allerdings sehe ich mich in einer anderen Situation, da ich deine Ängste so ja nicht habe. Willst du in Zukunft vlt öfters mit dem Bus fahren oder bleibst du bei deinem Auto?
    Liebe Grüße, Annie

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    1. Hallo Annie,
      vielen Dank für deine Glückwünsche ;)
      In Zukunft werd ich wohl weiterhin das Auto bevorzugen, weil alles was mehr als 20 Minuten Busfahrt in Anspruch nehmen würde, mich doch erst einmal (wenn vielleicht auch nur gedanklich) überfordert.
      Aber ich werde sicherlich in manchen Situationen eher zum Bus zurückgreifen, in denen ich mich hab fahren lassen (z.B. zu Weihnachten bei den Eltern, wenn ich etwas getrunken habe...)

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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  2. Das ist ja großartig. Trotzdem habe ich beim Lesen auf deine "Wiederentdeckte Liebe" (dem Rad) gehofft. Oder wäre die Strecke für eine Tour zu lange gewesen bzw. ist die Liebe verflossen? ;-)

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    1. :-) Nein, die Liebe besteht noch... heiß und innig.
      Nur haben wir eine Winterpause eingelegt, damit wir ganz bald wieder sehnlichst zueinander finden ;-)

      Die Strecke wäre mit dem Rad nicht zu bewältigen (also definitiv nicht für jemanden, der so untrainiert ist, wie ich).
      Ich lebe in Wuppertal... vielleicht kennst du die Stadt ja... es ist das deutsche San Francisco und der Berg, den ich zu erklimmen hätte, wäre mit dem Rad echt eine Tortur gewesen. Entweder wäre ich unterwegs vor Erschöpfung umgekippt oder oben angekommen, hätte ich ein Sauerstoffzelt benötigt :-)

      Aber das Rad wird sicher bald wieder (auch hier auf dem Blog) eine Rolle spielen.

      Ganz liebe Grüße

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    2. Okay, das leuchtet ein, Wuppertal. Ich kenne die Stadt zwar nicht, aber ich bin beruflich oft mit Wuppertalern in Kontakt ... die Schwebebahnstädter. :-)

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  3. Wooow, Applaus! Du kannst wirklich stolz auf dich sein.
    Ich gehöre auch eindeutig zu den Autofahrern. Schon vor meinen gesundheitlich Problemen bin ich viel lieber Auto gefahren und dann habe ich meine allererste Panikattacke in einer S-Bahn bekommen. Du kannst dir sicher vorstellen wie schwer es für mich war, wieder die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.
    Nochmal Glückwunsch an dich!!!!!

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    1. Hey Shalely,
      vielen Dank :-)

      Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie es sein musste, wieder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.
      Ich finde generell Situationen schwierig, in denen man "feststeckt". Busse, Aufzüge, Staus... das Gefühl nicht "fliehen" zu können, wenn einem danach sein sollte.
      Und wenn auch noch eine dieser Situationen mit einer damaligen Panikattacke in Verbindung gebracht wird, ist das umso schwieriger.

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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  4. Glueckwunsch!! Mit kleinen Schritten kommt man ans Ziel.
    Ich finde es super dass du deinen Mut zusammengenommen hast und Bus gefahren bist. Ich selber liebe Busfahren eigentlich aber seit ich mit Baby unterwegs bin kann ich es nicht mehr ausstehen. Es ist eng, laut, gefaehrlich und keiner hilft einem den riessigen Babywagen reinzuwuchten. -.- Ich habe mir stark vorgenommen dieses Jahr also den Fuehrerschein endlich zu machen. mit 26 haha

    LG

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