24. Februar 2016

Panic strikes back!

Der Supermarkt war seit Beginn meiner Erkrankung immer ein schwieriges Thema für mich (siehe hier). Am Anfang war es so, dass für mich die Vorstellung an lange Schlangen an der Supermarktkasse und das Gefühl in einer Situation "gefangen zu sein" schon alleine Schweißausbrüche und Angstzustände ausgelöst hat. Irgendwann tastet man sich voran. Man geht in kleinere Supermärkte, kauft nur 1-2 Teile und ist schnell wieder draussen. Dann wagt man sich immer mehr Zeit zwischen den Regalen zu verbringen, bis das Einkaufen selbst wieder ein regulärer Vorgang wird. Klar... tagesformabhängig ist es schon mal schwieriger gewesen, aber dennoch vom Körperempfinden machbar. 

Komischerweise habe ich seit Anfang diesen Jahres wieder ein Problem damit. Während des Einkaufens bin ich angespannt, nervös und irgendwie gestresst. Ich versuche mit der Situation umzugehen, die bisher gelernten Methoden anzuwenden, die eine Angstattacke verhindern sollen, merke aber relativ schnell, wie das leider nicht langfristig hilft. Ich gebe also häufig der Angst nach, spreche eine Einzelhandelsverkäuferin an und lasse mich zur der Filialtoilette bringen. 



Natürlich fühle ich mich danach...

... nicht gut, aber ich kann zumindest meinem Einkauf weiter nachgehen und muss nicht mit leeren Händen den Laden verlassen. 
Zu einer "richtigen Panikattacke" kam es allerdings lange nicht. 
Bis auf vorletzte Woche...

... ich fuhr wie gewohnt zum Supermarkt und fühlte mich aufgrund der vorherigen Wochen noch nicht wohl dabei. Immer wieder bemerkte ich, wie sich die Frage in mein Hirn schlich, was denn bitte seit diesem Jahr anders sei, was diese Unsicherheit auslöste?!
Am Supermarkt angekommen, holte ich mir einen Einkaufswagen und ging ins Geschäft. Einige Personen waren dort, die Mitarbeiter waren sichtlich gestresst und flitzten durch die Gänge. An den Kassen waren lange Schlangen... fast sah es schon so aus, als ob ein Feiertag zu erwarten wäre...
Egal!? Ich ging also durch die Regalreihen, fokussiert auf meinen Einkaufszettel und graste Regal für Regal ab. 
Dann kam ich zum Brot und musste warten, bis mein Brotlaib geschnitten war. Hinter mir stand eine junge Frau mit ihrem quängelnden Kind und obwohl ich ihnen nicht mal einen Blick zuwarf, machte mich das Kind und die ermahnende Mutter schon leicht nervös.

Aber nun gut... Brot fertig, eingepackt, weitergehts. 
Während ich an den Kühltruhen vorbeihuschte, merkte ich, wie der Druck in der Blase stärker wurde. Klar war, dass es definitiv von der Unsicherheit und der Nervosität kam. 
Also versuchte ich mich zwangsläufig abzulenken und auf meinen Einkauf zu konzentrieren. Einige Minuten klappte das auch ganz gut, allerdings wurde das Gefühl zur Toilette zu müssen durch die bestehende Unsicherheit weiterhin stärker. 
"Egal" dachte ich mir und versuchte zumindest meinen Einkauf so gut es ging, abzuarbeiten.
Endlich an der Kasse angekommen, erhoffte ich mir eine Besserung meines Zustandes, weil ich diese anstrengende Situation doch ein nahes Ende hatte. 
Leider war dem nicht so. 
Mit jeder Ware, die ich auf das Band legte, fühlte ich mich unsicher und die Angst wuchs. 
Ich atme etwas intensiver (wie eine Schwangere, die versucht, ihre Wehen heimlich zu unterdrücken) und richtete meine Blicke nervös einem Plakat zu, welches über der Kasse hing. Immer mit dem zwanghaften Gedanken, mich nun krampfhaft ablenken zu müssen. 
Natürlich ohne Erfolg!

Endlich war ich dran. Die Kassiererin kassierte Ware für Ware ab und ich kam kaum hinterher, die Ware in den Wagen zu befördern (man kennt das!!). Normalerweise lenkt mich das ab, weil ich eigentlich genug in dem Moment zu tun habe. Aber in diesem Fall war dem leider nicht so. 
Der Druck in meiner Blase fühlte sich schon so massiv an, dass ich schon das Gefühl hatte, ich könne kaum noch atmen. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck fragte ich die Kassiererin während des Kassiervorgangs, ob ich einmal die Toilette benutzen dürfte. Sichtlich irritiert, aber dennoch verständnisvoll, sagte die Kassiererin mir zu, bat mich aber um etwas Geduld, da erst eine Kollegin kommen müsse. "Kein Problem" dachte ich und versuchte schnellstmöglich die Ware weiter einzuräumen und zu bezahlen. Währenddessen klingelte die Kassiererin nach einer Kollegin.

Nun stand ich also dort... mit einem Wagen voller bezahlter Ware, den Tränen vor Angst schon nah, mit ein Druck in der Blase, als ob ich einen 4 Liter Kanister Wasser auf Ex getrunken hätte... und keine Verkäuferin in Sichtweite.
Mir ging es von Sekunde zu Sekunde schlechter und die Kassiererin warf mir immer und immer wieder nervöse Blicke zu. Sie sah genau, wie schlecht es mir ging und klingelte noch hektischer nach einer Kollegin. Umso schneller und panischer die Dame klingelte, je mehr fühlte ich mich schlecht und angespannter. Und voilà... eine saftige Panikattacke war geboren. 

Mein Herz schlug bis zum Hals (nicht wortwörtlich), mir wurde heiß, obwohl ich eiskalte Hände hatte. Mein Mund wurde trocken und ich dachte, ich breche gleich zusammen. 
So eine heftige Attacke hatte ich schon seit Jahren nicht mehr. 
Ich hielt mich an meinem Einkaufswagen fest... mit der anhaltenden Hoffnung, eine Verkäuferin würde endlich den Weg zu mir finden.
Etwa 2 Minuten später kam endlich die Erlösung. Ich ließ alles stehen und liegen und folgte der Dame in die Personalräume. 

Ohne großartig ins Detail gehen zu wollen, aber.... die Blase war bei weitem nicht so gefüllt, wie es sich in dem Moment anfühlte.
Sichtlich erleichtert (emotional) verließ ich die Toilette und hoffte, dass mein gefüllter Einkaufswagen nicht in der Hektik geklaut wurde (Kurzinfo: wurde er nicht).
Ich bedankte mich noch einmal bei der Kassiererin und verließ angeschlagen den Laden.

In diesem Moment fühlte es sich nach einem herben Rückschlag an. Ich setzte mich ins Auto und brach in Tränen aus. Immer wieder war da diese Frage nach dem "Warum?".
Aber könnte ich es verstehen, wenn man mir die Frage beantworten würde? Kann man Angst verstehen? Und vorallem: Kann man irrationale Angst verstehen? 

Nun ja... natürlich habe ich überlebt und habe ohne einzunässen (Kurzinfo an alle Neuleser: DAS ist noch NIE passiert) den Laden verlassen. Dennoch war es ein echt mieses Gefühl seiner Angst nach langer, langer Zeit wieder so ausgesetzt zu sein.
Fakt ist aber: Einkaufen ist etwas, was ich weder umgehen kann, noch will. Ich werde mich immer und immer wieder in diese Situation begeben, vielleicht ein paar Einzelheiten währenddessen verändern, um von meiner Routine abzuweichen und hoffen, dass stetiges Training wieder dazu führt, dass ich ohne schlechtes Grundgefühl den Laden betrete. 

Keine Ahnung woher es kam und wie lange ich damit zutun haben werde. Aber ich will es auch gar nicht mehr wissen. Ich will leben... und einkaufen... aber vor allem leben!

L.H.P. 

1 Kommentar:

  1. Mich erschrecken solche Rückschläge auch immer ganz furchtbar und dann kommt da auch die Frage nach dem Warum. Allerdings finde ich meistens eine Antwort darauf. Meine Psychologin hat mal gesagt, es geht nicht darum nie mehr Angst zu haben, sondern damit umgehen zu können. Nun ja, leicht er gesagt als getan.

    AntwortenLöschen