10. Februar 2016

Ein Leben aufwärts des Bauchnabels

Seit einigen Jahren habe ich mir aufgrund meiner Angst bestimmte Angstgedanken antrainiert.
Und das Wort "antrainiert" benutze ich in diesem Zusammenhang bewusst, denn Tatsache ist:
Wer sich Angstgedanken abtrainieren muss, hat sie sich zuvor im Laufe der Zeit erst einmal antrainiert. Dadurch, dass man immer und immer wieder bestimmte Szenarien in seinem Kopf durchspielt, immer wieder vom Schlimmsten ausgeht und sich mit dem konfrontiert, wovor man Angst hat, verstärkt man diese Angst nur viel mehr und trainiert sich diese Sichtweise an. 
Und über die Jahre verteilt macht man das so häufig, dass das Alles sich irgendwann automatisiert. 
Die Gedanken kommen unbewusst und immer dann, wenn man sie nicht gebrauchen kann (ok... wann tut man das schon?!). 

Früher halfen kurzfristig einfache Tricks wie z.B. "Ablenkung". Aber das wird von Jahr zu Jahr immer schwieriger. In Angstmomenten läuft das nämlich wie folgt ab... man Stelle sich das Hirn in 2 Sektoren vor (und damit meine ich nicht die linke und rechte Gehirnhälfte). Vorne spielen sich die aktiven, ablenkenden Gedanken ab... man zählt Autos, sucht Farben und beschreibt Gegenstände, man stellt sich Rechenaufgaben, überlegt sich eine Buchstabenreihe und versucht daraus Sätze zu bilden usw... aber egal, wie sehr das Hirn im vorderen Bereich beschäftigt ist... im hinteren Teil des Schädels treten leise Angstgedanken auf, die immer und immer lauter werden. Je mehr das vordere Areal beschäftigt wird, umso lauter wird der hintere Bereich mit den Angstgedanken. Natürlich ist das anatomisch alles so nicht korrekt, aber so könnt ihr euch das ungefähr vorstellen.

Also... Ablenkung ist auch kein Allheilmittel. Das heißt nicht, dass es überhaupt nicht funktioniert, aber es gibt eben viele Momente, in denen das keine Lösung für mein Problem darstellt. 
Bei körperlicher Ablenkung sieht das dann schon anders aus. Wenn Hirn und Körper gefordert werden, ist der Organismus so beschäftigt, dass ein Gedanke an die Blase überhaupt nicht erforderlich ist. Deswegen hat mir damals ja auch QiGong bei der Entspannung geholfen. Man war körperlich leicht aktiv, der Kopf war mit der Bewegungsreihenfolge beschäftigt und für diesen Moment waren die Ängste nicht präsent, obwohl ich mich in einer für mich fremden Situation befand. 



Um aber nun auf den Titel des Blogposts zurückzukommen. "Ein Leben aufwärts des Bauchnabels"... was meine ich damit? 
Seitdem ich...
...(für meine Verhältnisse) so viel Sport treibe, habe ich ein etwas anderes Körperbewusstsein. Ich nehme meinen Körper ein wenig anders wahr. Damit meine ich nicht, dass ich in den Spiegel schaue und eine veränderte Person sehe (so weit bin ich noch lange nicht ;-) ), aber ich merke schon, dass ich aktiver bin, beweglicher und mehr Energie habe. 
Als ich letzte Woche abends das Gefühl hatte, noch nicht aktiv genug gewesen zu sein, entschied ich mich nach Feierabend für kleine Spaziergänge. Es ging bergauf und jedes Mal wagte ich mich ein Stück weiter. Je weiter ich ging, desto mehr schossen wieder die angsterzeugenden Gedanken in den Kopf... Gedanken wie: "Hoffentlich schaff ich es gleich noch bis nach Hause... und dabei ist bergab doch viel unangenehmer... ich hätte eben nicht so viel trinken sollen... gehe ich weiter oder drehe ich um... eigentlich würde ich ja gern noch weiter, aber dann ist der Rückweg wieder so weit...." 
Statt einfach zu tun, worauf ich Lust hatte, hab ich mir über Dinge den Kopf zerbrochen, die total unnötig waren (wie so oft!!!). Das Traurige dabei ist immer: Hätte ich mich jetzt irgendwo befunden, wo es etwas Schönes zu sehen gegeben hätte, hätte ich das so überhaupt nicht wahrgenommen, weil ich viel zu sehr mit mir und meinem Befinden beschäftigt gewesen wäre.

Ich ging also meine Strecke, kam wieder nach Hause und hatte endlich "Feierabend". Und da wurde mir mal wieder bewusst, dass ich selbst für meine Gedanken verantwortlich bin. Sie führen kein Eigenleben. Ich habe die Macht sie zu steuern. Also hinterfragte ich mal wieder meine Denkweise. Wieso schenke ich dem unteren Teil meines Körpers so viel Aufmerksamkeit? Macht es nicht Sinn, das alles einfach mal zu ignorieren? Und die Beine funktionieren auch ohne großartige Aufmerksamkeit. Die wissen schon, was sie wann tun sollen. 

___Wenn ich mir Gedanken über etwas unterhalb des Nabels in "bremslichen Situationen" verbiete, kann ich auch somit die Körperwahrnehmung besser steuern. Damit meine ich, dass nicht jeder leichteste Harndrang analysiert werden muss. Damit meine ich, dass nicht vor jeder ungewohnen Situation mein Empfinden überprüft werden muss. 
Das habe ich schließlich vor diesem ganzen Mist auch nicht getan. 
Et kütt wie et kütt...

Natürlich weiß ich nicht, ob diese Art der Wahrnehmungsbeeinträchtigung mir weiterhilft. Ich werde es ertesten.

Des Weiteren ist es so, dass ich nun mit meiner Therapeutin eine Art der Entspannung trainiere, die wohl auch in Alltags- und Stresssituationen anzuwenden ist.  Diese Art der Entspannung baut auf dem Prinzip der progressiven Muskelentspannung auf. 
Für diesen Zweck habe ich mir eine CD gekauft, mit der ich zuhause regelmäßig trainieren kann.

Auch die "Stopp!"-Methode möchte ich nun wieder aktiver in meine Stresssituationen integrieren. 

Also wird es dieses Jahr ein ziemlich aktives Jahr für mich.
Nicht nur Körper, sondern auch Geist/Psyche wird aktiv trainiert. 
Mal sehen, wie lange ich durchhalte ;-)

In diesem Sinne...

L.H.P.



Kommentare:

  1. Guten Abend.
    Man trainiert sich gewisse Dinge wirklich an und bei mir habe ich mich direkt mit dem wovor ich Angst habe und den Zwangsgedanken konfrontiert. In der Verhaltenstherapie gibt es eine Möglichkeit dem Gehirn vorzugauckeln, dass man das gerade wirklich gemacht hat und der Zwangsgedanke somit weichen darf. Kurz: Den Gedanken der mit Angst verbunden ist zu Ende denken. Dies hat mir persönlich sehr geholfen. Ab und an half auch das "STOP!" aber irgendwann eben nicht mehr. Ob ich selbst eine Angststörung habe kann ich nicht sagen, da dies noch nicht herausgefunden wurde aber da arbeiten wir dran. Die Ablenkung ist definitiv der falsche Weg, da man die Gedanken, die Angst - was auch immer einfach umgeht, anstatt das Problem an der Wurzel zu packen. Ich hatte vor paar Wochen meine erste Panikattacke, nie wieder! Was für ein blödes Gefühl. Sich selbst ablenken aber es funktioniert nicht, es überkommt dich.
    Mir persönlich half Meditation aber QiGong ist auch eine tolle Sache. Und Sport sowieso, auch wenn ich nicht so der Sporttyp bin aber ja, man bekommt ein anderes Körperbewusstsein und ist aktiver, frischer, hat Elan. Die Gedanken die du hattest kenne ich auch. Schaffe ich den Weg? Was wenn ich umkippe weil ich nicht mehr kann? Irgendwie wortwörtlich bescheuert aber in dem Moment ist das so nah.

    Ich wünsche dir weiterhin alles Liebe.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Sanni,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag. Ich glaube, dass diese Art der wiederkehrenden Gedanken nur jemand nachvollziehen kann, der selbst darunter leidet. Ich versuche zwar hier Nichtbetroffenen das Ganze so transparent wie möglich zu gestalten, aber klar... so richtig verstehen kann man das sich nicht. Meditation ist auch eine feine Sache, wobei ich ja die Problematik mit der "Blase" habe und bei der Meditation zu viel Zeit zum Nachdenken habe. Meine Gedanken wandern dann immer Bauchnabel abwärts ;-)

      Ich drücke dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen, dass es bei dir voran geht.
      Vielleicht hast du ja auch Lust einen Gastbeitrag (ggf. mit Werbung für deinen Blog) zu schreiben?

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

      Löschen
  2. Also, dass Ablenkung der falsche Weg ist, denke ich nicht. Man verdrängt ja nicht seine Probleme, sondern in bestimmten Situationen die angstaulösenden Gedanken, um nicht in eine Panikattake zu fallen. Ein riesen Unterschied. Bei mir klappt das zum Glück ganz gut. Wie du schon geschrieben hast, für sich Gegenstände beschreiben, die Leute beobachten.... Gut funktioniert auch Musik hören oder ganz bewußt auf die Atmung konzentrieren.
    Und auch mir hilft Sport. Beim Zumba muss ich mich auf die Schritte konzentrieren, dazu die tolle Musik und mein Kopf ist erst mal ausgeschaltet.

    Ganz liebe Grüße

    AntwortenLöschen