16. Dezember 2015

Weihnachtsfeier 2015

Da es letzte Woche keinen Blogpost gab (und dafür bitte ich um Entschuldigung), gibt es diese Woche einen etwas ausführlicheren Beitrag.

Diese Woche möchte ich euch etwas über das Ausmaß meiner Angst erzählen, welches sich sehr gut anhand eines aktuellen Beispiels zeigt.
Aber dafür muss ich von Vorne beginnen...

... ich arbeite in einem kleinen Unternehmen mit genau 4 festangestellten Mitarbeitern (inkl. mir).
Dadurch, dass wir eben so ein kleines, aber dennoch erfolgreiches Unternehmen sind, gönnt uns mein Chef zu Weihnachten eine "große" Weihnachtsfeier. In der Vergangenheit (bevor ich dort gearbeitet habe) war es so, dass die Belegschaft zu Musicals in ganz Deutschland gereist ist. Mal ging es nach Stuttgart, mal nach München, mal nach Hamburg usw.
Der Aufenthalt war dann für 2 Tage oder gar ein ganzes Wochenende geplant. Seitdem ich aber nun dort arbeite, wird aufgrund meiner Erkrankung Rücksicht auf mich genommen und somit fallen weite Anreisen weg. Ich finde das ja sehr nett, habe aber dennoch deswegen manchmal ein schlechtes Gewissen. 
Wie dem auch sei... es ist wie es ist.
Im letzten Jahr waren wir in der Stadt, in dem das Unternehmen ansässig ist, essen. Im Januar haben wir dann noch eine Veranstaltung besucht (siehe hier).
Zwar hatte ich dort auch schon meine Bedenken, aber das habe ich irgendwie hingekriegt. Und vor allem war mir bewusst, es sind nur ein paar Stunden und dann bin ich wieder daheim.



In diesem Jahr kam es allerdings anders. Mein Chef hatte mir zu liebe Musicalkarten in einer Stadt gebucht, die für mich 1,5 Stunden Fahrt über die Landstraße beinhaltete. Nun gut... keine unbekannte Strecke und durchaus machbar. Sein Hintergedanke bei der Buchung war, dass...
...ich nach dem Musical in dieser Stadt verbleiben könnte, da mein Exfreund dort in der Stadt lebt. Was allerdings von ihm nicht eingeplant war (und was er zu diesem Zeitpunkt auch nicht wusste) war, dass zu dem Zeitpunkt der Buchung die Beziehung schon beendet war. Nun fiel also diese Option weg und die Karten waren schon gekauft. Ich teilte ihm also mit, dass das nicht soooo schlimm sei und ich mir dann eben ein Hotel suchen würde, um nicht mitten in der Nacht noch 1,5 Stunden über dunkle, kurvenreiche Landstraßen fahren zu müssen. So nett wie mein Chef war, meinte er dann direkt, dass wir dann eben alle dort bleiben. Also suchten wir noch kurzerhand ein Hotel für die Belegschaft plus Anhang. 
Die darauffolgenden Wochen lag es dann noch an mir ein passendes Restaurant in der Stadt zu suchen, welches wir vor dem Musicalbesuch aufsuchen wollten.

Auch das war nicht so einfach, da wir viel zu spät uns geeinigt hatten, viele Restaurants zu der benötigten Uhrzeit noch gar nicht geöffnet hatten und/oder die Restaurants schon so weit im Voraus ausgebucht waren, dass man mich am Telefon auslachte, als ich nach einer Reservierungsmöglichkeit fragte. Zusätzlich war mir persönlich ja auch noch wichtig, dass die Fahrten oder Gehstrecken nicht so lange dauerten, weil ich natürlich auch immer im Hinterkopf hatte, dass im Falle einer Panik ich irgendwie von A nach B kommen muss.

Nach einigen Tagen stand dann also auch das ganze Drumherum.
Nun ist also letzten Freitag dieser Tag gekommen und ich war schon ab Montag nervös.
Warum? Wegen allem... die Anfahrt, der Aufenthalt im Hotel (ich habe zuvor noch keinerlei nennenswerte Hotelerfahrungen gehabt), das Wissen, dass ich in der Stadt Bahn fahren musste (ich bin seit 8 Jahren nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmittel gefahren), der Aufenthalt in einer fremden Großstadt (so viel Ungewissheit), die Fußwege ohne zu Wissen, wie lange die Wege in der Realität sein würden, der Musicalbesuch und vor allem... in einer Gruppe unterwegs zu sein, in der sich Menschen befinden, die meine Einschränkung nur bedingt verstehen können und ich mich am Ende des Tages nicht als Ballast fühlen wollte, weil alle auf mich Rücksicht nehmen.
Also wie man schon sieht... ich habe mich verrückt gemacht.

Die Nervosität steigerte sich von Tag zu Tag und irgendwie konnte niemand so recht verstehen, warum es mir so ging. Meine Kollegin freute sich schon auf den "Ausflug" und sprach ständig davon. Mich machte der Gedanken daran allerdings wahnsinnig. 

Mittwochs hatte ich dann noch einen Therapietermin. Natürlich hatten wir kein anderes Thema als die bevorstehende Weihnachtsfeier. Meine Therapeutin sprach mir zwar Mut zu und gab mir wichtige Worte und Übungen mit auf den Weg, aber so richtig kam das alles nicht bei mir an.

Der schlimmste Tag war dann allerdings der Donnerstag. Im Büro konnte ich mich kaum auf die anfallende Arbeit konzentrieren. Mir war schlecht, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und dann diese innerliche Unruhe. Es war einfach zum Mäuse melken. 
Freitag, am Tag der Tage, war es dann so, dass ich morgens wach wurde, mich kurz sammelte und dann nicht mehr an mich halten konnte...  kaum hatte ich die Augen auf, liefen schon die Tränen.
Ich war so nervös und innerlich geladen, dass dieser Druck irgendwie entladen werden musste. Und das habe ich dann anscheinend auf diesem Wege gemacht. 
Ich versuchte mich zu beruhigen, tief zu atmen und Ruhe zu finden, aber immer wieder kehrten diese angsterzeugenden Gedanken zurück.
Was tue ich, wenn ich in der Bahn stehe und dringend zur Toilette muss? Oder gar eine Panikattacke bekomme? Was tue ich, wenn ich den Fußweg zum Musical nicht angstfrei hinbekomme? Wie werden wohl die Anderen von mir denken, wenn sie ständig und überall auf mich warten müssen?
Mein Kopf war voll und fühlte sich 10 kg schwerer an.

Bei meinen Ängsten ging es auch nicht primär darum, was andere von mir denken könnten, sondern viel mehr der Gedanke, anderen nicht zur Last fallen zu wollen...
Alles nicht einfach?!
In dieser Woche war es auch so, dass ich wieder konkret merkte, dass mir in diesen Situation auch niemand wirklich helfen kann. Das alles habe ich selbst in der Hand.

Nun war also der Tag gekommen und ich hatte Angst. Aber auf all das konnte ich keine Rücksicht nehmen, denn ich musste da durch. Ich versuchte also für mich alles so "angenehm" wie möglich zu gestalten.
Ich brachte vorab meine Tasche und alles, was ich für mein Navi brauchte, ins Auto. 
Für Trinken bei der Fahrt war auch gesorgt (man weiß ja nie?!).
Die Route war schon Tage zuvor geplant und im Navi eingegeben. 
Das Auto war vollgetankt und direkt vor der Tür geparkt. 
Parkmöglichkeiten im Hotel waren bekannt.
Der USB-Stick im Auto war für eine "längere" Fahrt mit abwechslungsreicher und beruhigender Musik gefüllt. 
Also... es konnte losgehen.



Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Ich fuhr mit Absicht so früh los, dass ich möglichst früher als eigentlich genannt im Hotel einchecken konnte, um dort erst einmal "mental anzukommen". 
Ja, ich weiß...für jeden "Normalo" klingt das alles absolut übertrieben, aber anscheinend brauche ich das.

Die Fahrt war ziemlich unkompliziert und dadurch, dass ich 3/4 der Strecke schon kannte, sehr beruhigend für meine Nerven. Mit jedem Kilometer fiel ein wenig Anspannung von mir ab.
Natürlich habe ich dennoch Pausen an Tankstellen gemacht, was ich allerdings vorab schon eingeplant hatte und somit nicht weiter schlimm für mich war.
In der Stadt angekommen war ich auch schon von so vielen neuen Eindrücken abgelenkt, dass die Blase mich ziemlich in Frieden ließ.
Und kurzerhand hab ich auch schnell das Hotel gefunden.
Die Räumlichkeiten waren wirklich schön gestaltet und ich fühlte mich sehr schnell wohl und fand mich zurecht.



Etwa 1,5 Stunden später waren auch schon die anderen Herrschaften im Hotel angekommen. 
Und dann hieß es "wir fahren mit der U-Bahn".
Oh man... nicht nur, dass ich Bahn fahren musste... nein, ich musste auch noch U-Bahn fahren.
Ich habe schon früher die U-Bahn (oder auch Metro) gehasst. Mir ist es einfach nicht Geheuer unter der Erde mit einer Bahn durch dunkle Tunnel zu fahren. 
Aber nun gut... ich hatte keine Wahl.
Bevor es also los ging, flitzte ich noch schnell zur Toilette und dann ab die Post.

Ich muss dazu sagen, dass ich eine wirklich liebe Kollegin habe, die immer wieder fragte, wie es mir ging und mich gut ablenkte. 
Bevor wir zum Restaurant fuhren, wollten meine Chefs unbedingt noch einen Abstecher zum Weihnachtsmarkt machen. Und mein erster Gedanke war "Warum tut ihr mir das an???".
Aber egal... ich musste da durch. Wir fuhren 4 oder 5 Stationen mit der U-Bahn, stiegen um in einer andere U-Bahn und fuhren weitere 3 Stationen. 
Am Zielort angekommen ging es direkt zur nächsten Glühweinbude. Alle waren gut dabei, während ich einfach nur dabeistand (weil ich keine Glühwein trinke und jegliches Heißgetränk ablehnte.... weil Heißgetränke harntreibend sind...).
Nach ungefähr 30 Minuten ging es dann auch endlich weiter zum Restaurant. 
Die Blase hatte sich in der ganzen Zeit glücklicherweise nicht gemeldet (kein Wunder, so oft wie ich vorher schon zur Toilette gegangen bin...).

Der Aufenthalt im Restaurant selbst war ziemlich gelöst und unproblematisch. Dort hatte ich schließlich die Gewissheit jederzeit zur Toilette gehen zu können, wenn ich wollte und müsste.
Nachdem alle gesättigt waren, ging es zum Musical.
Der Fußweg betrug etwa 15 Minuten und was soll ich sagen... es war ein wirklich angenehmer Spaziergang an der frischen Luft, mit netter Gesellschaft und super Aussicht.
Und die Blase? Nichts....

Auch am Musical angekommen, sah man schon die Menschenmasse vor der Tür. Klar hat mich der Anblick nervös gemacht. Aber die Blase? Nichts....
Vor Ort bin ich dann allerdings trotzdem zur Toilette gegangen, um den Gedanken daran aus dem Kopf zu haben, bevor es dann zur Vorstellung ging.
Als wir dann endlich in den Saal durften, stellte ich fest, wie beengt man dort saß und dass im Falle eines Falles, 2 Herrschaften wegen mir aufstehen müssten.
Ich versuchte mich jedoch nicht von dem Gedanken einnehmen zu lassen und nahm Platz.
Ich verwickelte das Paar, dass neben mir saß in ein Gespräch... zwei sehr nette, ältere Leute.
Ok... somit war mir der Druck genommen, dann unangenehm aufzufallen.
Als die Vorstellung begann hatte ich zu Beginn etwas Schwierigkeiten mich gedanklich von mir selbst zu lösen und mich darauf einzulassen, was da vorne passiert.
Nach etwa 10 Minuten war das dann aber kein Problem mehr.

Als das Musical dann vorbei war, überlegte die Gruppe, ob wir wieder mit der Bahn zum Hotel fahren oder ob es sich lohnt, zu Fuß zu gehen.
Gemeinschaftlich entschied man sich für einen Fußmarsch (ich selbst hielt mich zurück).
Natürlich schossen mir wieder zig Szenarien durch den Kopf...
Was wäre wenn... und was mache ich wenn.... 
Aber hey... ich hatte keine Wahl?!
Wir gingen also los. Die Luft war angenehm kühl und es gab unterwegs einfach so viel zu sehen, dass ich abgelenkt war. Und die Blase? Nichts....
Ich konnte wirklich Schritt für Schritt bewusst genießen.

Am Hotel angekommen entschieden wir uns, noch den restlichen Abend in der hoteleigenen Bar zu verbringen. Es war wirklich noch ein schöner Abend mit lustigen Gesprächen und sehr lockerem Umgang miteinander.

Auch die Nacht in dem mir fremden Hotelbett war ganz angenehm. 

Frühstück und Rückfahrt waren absolut unproblematisch und alles in allem bin ich froh, dass ich mich nicht vor dieser Erfahrung gedrückt habe.
Klar... ich hätte mir wirklich gewünscht, vorher cooler zu sein, aber vielleicht brauchte ich das auch, um mir zu beweisen, dass am Ende alles nicht mal ansatzweise so schlimm war, wie befürchtet.
Ich bin einfach so angstbesetzt, dass ich mich manchmal dann selbst vergesse.
Ich vergesse, was ich in der Vergangenheit schon erreicht habe. Ich vergesse, was ich mir von meinem Leben eigentlich wünsche. Ich vergesse, dass ich mir selbst so viel mehr zutrauen kann.

Ich brauche einfach oftmals einen guten Grund oder einen Tritt in den Hintern, um mir bewusst zu machen, dass ich mehr kann.
Und das hat mir dieses Ereignis mal wieder bewiesen. 

Alles ist irgendwie machbar. Und selbst wenn ich für mich einfachere Wege suchen muss, aber machbar ist es dennoch.

Und jetzt? Jetzt darf Weihnachten kommen und die paar restlichen Tage des Jahres kriege ich auch noch rum ;)

Und was ich mir vom nächsten Jahr erhoffe, werdet ihr dann in den nächsten Wochen noch zu lesen bekommen. 

Bis dahin...

...bleibt tapfer!

L.H.P. 

Kommentare:

  1. Hey, das hört sich doch toll an :) Ich denke man macht sich eh viel zu oft zu viele Gedanken, und hinterher ist es gar nicht so schlimm.
    Das erinnert mich ein bisschen an ein Praktikum, das ich mal gemacht habe. Also, ich hasse, hasse, hasse telefonieren :D Und da sollte ich dann plötzlich Blumen bestellen, na super. Aber ich habe gar nicht viel weiter drüber nachgedacht, ich habe einfach angerufen! Denn genau das was du geschrieben hast, "ich musste da durch". Und tadaa, es hat geklappt :) Ich würde jetzt zwar immernoch Wege ums Telefonieren suchen, aber ich wüsste immerhin, dass es mit einem kleinen Tritt zur Not eben doch ginge ;)
    Jedenfalls hoffe ich, dass du euren Weihnachtsausflug ein bisschen genießen konntest und es dir als gute Erfahrung merkst :)
    Liebe Grüße ♥

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    1. Hey Jana,
      du hast recht. Vorher macht man sich einen Kopf um Dinge, die am Ende gar nicht erst eintreten.
      Das Beispiel, was du dazu genannt hast, ist in dem Fall sehr passend. Wenn man sich überwinden "muss", merkt man erst, was man eigentlich schaffen kann, wenn man gar nicht die Möglichkeit hat, so viel darüber nachzudenken :)

      Ganz ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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  2. Wow, wie cool zu lesen, dass bei der ganzen Angst davor der Abend für dich trotzdem so "entspannt" war und die Blase dich in Ruhe gelassen hat :) Das freut mich für dich!
    Liebe Grüße,
    W.P

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    1. Hallo W.P,
      danke für deine Anteilnahme :)
      Ja, es war am Ende wirklich halb so schlimm und dadurch hatte ich einen wirklich angenehmen Abend :)

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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