18. November 2015

[A-Z] M und N

M... wie Misserfolg, Melancholie, Mitleid und Motivation

In den Jahren meiner Einschränkung habe ich schon viele Therapien und Untersuchungen über mich ergehen lassen. Ich habe Medikamente verschrieben bekommen, mir selbst welche in der Apotheke besorgt, habe Übungen gemacht, war in Reha, habe Bücher gelesen. Und mit all dem hatte ich jedes Mal das Gefühl ein Stück weiter vorwärts zu kommen. Allerdings ist es auch so, dass ich oft wieder viele Schritte zurückgehen musste. Ich habe viel gelernt... über mich, über meinen Körper, über die Psyche... habe zu einigen Menschen Kontakt gefunden, die unter ähnlichen oder gar gleichen Symptomen leiden. All das hat mir zwar geholfen, aber nicht zu einer Heilung geführt. 
Nach vielen Rückschritten, einigen Misserfolgen und immer wiederkehrenden Phasen, in denen ich die Motivation zum Weiterkämpfen verloren hatte, gab es allerdings summiert mehr Erfolgserlebnisse, die mich bisher so weit gebracht haben, dass ich an dem heutigen Punkt bin. Noch vor einigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass mein Leben nochmals so sein könnte, wie es jetzt ist. Das ich das Gefühl habe, zu leben und nicht zu vegetieren. Klar... es ist noch sehr viel Arbeit vor mir, es gibt noch viele Situationen, die ich ohne Nachdruck nicht aufsuchen würde, aber eins habe ich gelernt: Misserfolge sollten kein Grund sein, alles über Bord zu werfen. Misserfolge sind dafür da, sich wieder aufzuraffen und weiter an sich zu arbeiten, um sich selbst zu beweisen, dass ein Rückschritt keine Kapitulation verursachen muss. Denn das hat man am Ende ja selbst in der Hand. 



Melancholie war irgendwie schon immer etwas, was mich durchs Leben begleitete. Und so negativ, wie man diesen Begriff auslegen könnte, sehe ich diese Eigenschaft nicht. Es gibt eben Momente, in denen bin ich ganz bei mir und denke nach. Situationen, in denen ich zum Beispiel...


... auf meinem Balkon sitze, mich von ruhiger, stimmungsvoller Musik beschallen lasse, den vorbeiziehenden Wolken hinterherschaue oder nachts einfach nur die Sterne beobachte. Momente, in denen ich über mich und mein Leben nachdenke, die Vergangenheit gedanklich ankratze und über die Zukunft sinniere. 
Was soll daran verkehrt sein? Schon als Kind saß ich gerne mal am Fenster und schaute minutenlang den Bäumen dabei zu, wie ihre Äste und Blätter durch den Wind bewegt wurden. Melancholie ist für mich eine kleine Flucht im Sinne von Entspannung. Ich atme viel ruhiger, komme auf neue Ideen, kann mich dadurch selbst motivieren, weitere Schritte zu wagen. Aber ich weiß auch, dass Melancholie etwas ist, was Menschen schnell runterziehen kann. Daher ist sie ja auch nur mit Vorsicht zu genießen. Ich glaube aber schon, dass ich das ziemlich gut im Griff habe ;-) 

Ich bin nun schon einige Jahre erkrankt und habe während dieser Zeit nie ein Geheimnis aus meiner Erkrankung gemacht. Und natürlich lernt man in dieser Zeit auch unterschiedliche Reaktionen der Menschen diesbezüglich kennen. Es gibt Menschen, die sich mir gegenüber "normal" verhalten, Menschen, die Rücksicht nehmen, aber mich sonst nicht "anders" behandeln. 
Und dann gibt es noch die Sorte von Menschen, die mich bemitleiden
Ich finde es super, wenn Leute sich mit meiner Erkrankung beschäftigen, Interesse zeigen und versuchen, meine Lage zu verstehen. 
Aber ich brauche das Mitleid anderer Menschen nicht. Das hilft mir nicht und gibt mir viel eher das Gefühl, dass meine Situation aussichtslos sei. 
Dann kommt noch dazu, dass ich in meiner letzten Beziehung die schmerzliche Erfahrung machen musste, dass das Einzige, was diesen Menschen bei mir hielt, Mitleid war. Zum Einen fragte ich mich, wie falsch ein Mensch sein musste, aus diesem Grund etwas vorzugeben, was nicht ist. Zum Anderen ist Mitleid genau das, was ich absolut nicht ausstehen kann. Ein gewisses Maß an Anteilnahme finde ich wirklich schön, aber Mitleid bringt niemanden weiter. 

Motivation ist etwas, was wir alle benötigen. Etwas, was uns vorantreibt und hilft, nicht im Leben zu stagnieren. Motivation wird in so vielen Lebenslagen benötigt... im Job, bei wichtigen Entscheidungen oder einfach nur, um morgens überhaupt aus dem Bett zu kommen. 
Meine Hauptmotivation besteht darin, dass ich mir für mich ein anderes Leben wünsche. Ich möchte mich wieder freier fühlen, möchte noch Dinge erleben, die für mich unmöglich scheinen. Möchte den Partner finden, mit dem ich es mir vorstellen kann, alt zu werden, möchte eine Familie gründen. Ich möchte mir ein zuhause schaffen, in dem ich mich auch zuhause fühle. Möchte Orte sehen, die mir bisher fremd waren. Hach... es gibt so viel, was ich noch vorhabe und genau das ist es, was mich motiviert. Die Motivation soll auch nicht das Mittel dafür sein, eines Tages angstfrei zu sein (denn das wird wahrscheinlich nicht mehr passieren), aber es ist zumindest ein Ansporn, dass es einfach viel besser wird. 


N... wie Neuanfang und Nervenarzt

Als meine Erkrankung ausbrach und ich lange Zeit krankgeschrieben war, befand ich mich an einem Punkt im Leben, wo ich alles in Frage stellen musste. War die Person, die ich immer dachte zu sein und immer glaubte, sein zu wollen, am Ende doch nicht die Person, die ich sein konnte? War mein Traumjob, mit dem ich mich bis zum Ende identifizierte, nicht das, was ich mein restliches Leben ausführen kann? Wie soll mein Leben nun weitergehen? Wie kann es weitergehen? Was muss ich tun, damit ich wieder die werde, die ich immer glaubte zu sein, ohne mich auf dem Weg selbst zu verlieren?
Es war eine wirklich schwere Zeit. Die letztendliche Entscheidung war, dass ich meinen Job aufgab und mich auf meine anderen "Talente" konzentrierte. Es musste ein Beruf sein, der mir liegt. Ein Beruf, in dem meine Einschränkung kaum bis gar keine Rolle spielt. Ein Beruf, in dem ich mir Familienplanung vorstellen konnte und wusste, dass ich diesen bis zur Rente auch ausführen kann. Aber vielseitig sollte er auch sein. Nach längerer Recherche und vielen Überlegungen entschied ich mich, von der Krankenpflege ins Büro zu wechseln. Und nachdem ich meine zweite Ausbildung erfolgreich absolvierte und nun seit 4 Jahren in diesem Beruf tätig bin, kann ich zumindest behaupten, dass es eine Entscheidung war, die mich weiterbrachte. So aussichtslos die Situation damals auch aussah, heute kann ich zurückblicken und mir für den aufgebrachten Mut auf die Schulter klopfen. Aber nicht nur beruflich musste ich neu anfangen. Es war wirklich eine schwere Zeit und noch heute ist es so, dass ich mich oft frage, wann diese Phase der vielen "Neuanfänge" endlich aufhört?!

Als Nervenarzt werden in Deutschland ja Psychiater oder Neurologen genannt. Und auch da kann ich etwas zu schreiben. Als meine Erkrankung im Jahre 2007 ausbrach, war lange nicht klar, was überhaupt mit mir los ist. Ich war bei vielen Ärzten und irgendwie wusste niemand wirklich etwas mit mir anzufangen (siehe hier). Erst als ich beim Urologen feststellte, dass organisch alles in Ordnung ist, war klar... ich sollte mal einen Psychiater aufsuchen. Für viele wäre das wahrscheinlich ein großer Schritt. Für mich war und ist es nichts, was von der "Norm" abweicht. Es ist ein Gang zum Arzt, wie zu jedem anderen Arzt auch. Nun ja... ich suchte mir also einen Arzt in meiner Nähe, machte einen Termin, saß das erste Mal dort und schilderte meine Situation. Der Arzt hörte sich alles in Ruhe an, stellte gezielt Fragen und nickte immer wieder verständnisvoll. Schon in der ersten Sitzung war ihm klar "Sie leiden unter einer Angststörung". Das zu hören war für mich so erleichternd, dass ich dort saß und in Tränen ausbrach. Man könnte sich jetzt fragen, warum ich mich über diese Diagnose freute?! Grund allein war, dass ich endlich einen Menschen gefunden hatte, der mich nicht fragend ansah. Einen Menschen, der mich verstand und mir das Gefühl gab, dass es behandelbar ist. Dieser Arzt war mir über einige Monate eine große Stütze und immer wenn ich bei ihm war, fühlte ich mich, als hätte man mir ein wenig Last von meinen Schulter genommen. (Achja... für alle, die noch nie beim Psychiater waren... er hatte keine Couch ;-) ) 
Leider ist dieser Mensch an einer Krebserkrankung verstorben und obwohl ich ihn nur für einen kurzen Zeitraum kannte, kann ich sagen, dass es ein herber Verlust war. Anschließend besuchte ich noch 2 andere Ärzte, zu denen ich aber nicht den Draht aufbauen konnte, wie zu dem zuvor beschriebenen Mann. Was ich daraus gelernt habe? Nicht jeder Psychiater ist für jeden geeignet. Einen passenden Psychiater zu finden, ist so schwer, wie einen guten Zahnarzt. Aber ich rate jedem, der darüber nachdenkt, einen solchen Facharzt aufzusuchen....habt keine falsche Scham und tut es! Es kann eine gute Hilfestellung sein und vielleicht fühlt auch ihr euch dort das erste Mal so wirklich verstanden. 


1 Kommentar:

  1. Zum Glück ist bei mir sehr schnell festgestellt worden, dass ich unter Panikattacken und einer Angststörung leide. Das hat mir einen Arztmarathon erspart. Ein Vertrauensverhältnis zum Arzt oder Therapeuten ist soooo wichtig. Ich bin an die falsche Therapeutin geraten, was alles erst mal nur noch schlimmer gemacht hat.

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