4. Februar 2015

Gesund ist der, der sich gesund fühlt.

Man stelle sich alle Menschen vor, die man persönlich gut kennt.
Und dann überlege man mal, wie viele Personen „gesund“ sind…

…irgendwie bleibt da nicht so viel übrig, wie man vielleicht zu Beginn vermutet.
Und selbst, wenn ein paar Personen sich top fit fühlen, so gibt es doch meist trotzdem eine Art chronische Erkrankung, die sie mit sich rumschleppen (und es vielleicht gar nicht wissen).
Allein diesen Gedanke finde ich sehr beängstigend.

Wenn ich über meinen Bekanntenkreis nachdenke, dann sind dort einige von Depression betroffen, haben rheumatische Erkrankungen, chronischen Husten, permanente Rückenbeschwerden, Allergien, Angstzustände (die sie selbst als „harmlos“ betrachten) etc…


Irgendwie ist kaum jemand richtig gesund oder fühlt sich zumindest so?!
Aber woran liegt das?
War das schon immer so?
Inwiefern sind wir „krank“,...



... wenn wir uns doch „gesund“ fühlen?

Ich selbst glaube daran, dass ein Mensch in seinem Leben viele, viele Erkrankungen (und davon einige chronisch) durchlebt (bewusst oder auch unbewusst).
Der Mensch wird mit dem Alter gebrechlich und ist selten noch so „strapazierfähig“, wie mit Anfang 20. Aber ist das tragisch?

Ich glaube fest daran, dass auch die innere Einstellung viel dazu beiträgt, inwieweit man sich als „gesund“ oder „krank“ empfindet.
Durch meine Erfahrungen, die ich im Krankenhaus gesammelt habe, habe ich öfter miterlebt, wie positiv gerade die Menschen eingestellt sind, die vielleicht nicht mehr ganz so viel vom Leben zu erwarten haben. Ich meine… die, denen es besonders schlecht geht oder gerade die, die wissen, dass ihre Lebenszeit begrenzter ist, als zuvor vermutet.
Müssen wir erst an einem so drastischen Punkt in unserem Leben ankommen, um zu begreifen, was uns wichtig ist und was uns glücklich macht?!

Es gab da damals diese Frau, die ich im Krankenhaus kennenlernen durfte… sie war Ende 30, hatte zwei entzückende Jungs (ich meine 4 und 7 Jahre alt) und einen gut aussehenden, höflichen Ehemann. Ihre Diagnose: Brustkrebs.
Es war nicht das erste Mal, dass die Frau an Brustkrebs erkrankte. Es war bereits der zweite Befall und diesmal wurde ihr mitgeteilt, dass es keine Chance gibt, sie von ihrem Leid zu erlösen.
Sie wusste, dass sie ihre Jungs nicht mehr aufwachsen sehen würde. Sie wusste, dass sie an all den noch kommenden, wichtigen Momenten ihrer Kinder nicht mehr teilnehmen könnte. Kein Schulabschluss, kein bestandener Führerschein, keine Hochzeiten.
Sie würde all das nicht mehr miterleben dürfen…

…und dann war da diese Angst. Die Angst, ihren Mann mit all der Verantwortung allein zu lassen.
Die Angst, ihn durch das Ableben unglücklich zu machen.

Als Pflegepersonal bekommt man viele private Geschichten der Patienten mit, aber nur wenige nimmt man mit nach Hause (zumindest war es bei mir so).
Aber diese Frau werde ich wohl lange nicht vergessen.

Obwohl diese Frau wusste, dass sie nicht mehr lange leben wird und sie Angst hatte, was nach ihrem Tod alles auf ihre Familie zukommen würde, war sie durchweg positiv.
Klar… man möge meinen, es war eine Fassade. Aber nein, das war es nicht.
Sobald ich im Dienst war, war ich u.a. mit der Pflege dieser Frau beauftragt und habe somit viele Momente erlebt, die außerhalb der „Öffentlichkeit“ stattfanden. Momente, in denen ich alleine mit ihr war und sie auch mal weinte und sich öffnete.
Sie hatte Pläne… Pläne, die sie vor ihrem Tod noch umsetzen wollte.
Dabei ging es nicht um Reisen und besondere Anschaffungen.
Es ging um Momente und Absicherungen.

Sie wollte noch so viel Zeit wie möglich mit ihrer Familie verbringen. Sie wollte ihren Söhnen erklären, was mit ihr passiert und ihnen vermitteln, dass sie keine Angst haben bräuchten.
Sie wollte die letzten Woche so verbringen, dass ihr Mann sich geliebt fühlt, wenn sie geht.
Sie wollte ihre Beerdigung bereits organisieren und somit ihrem Mann die Last und die Verantwortung abnehmen.
Und die Umsetzung dieser Pläne machte die Frau so positiv, wie man es nicht glauben mag.

Ich erinnere mich, wie sie auf der Bettkante ihres Bettes saß und in einem Katalog blätterte.
Ich kam in das Zimmer, um den Pflegeschrank mit Handtüchern zu bestücken.
Die Dame hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht und strahlte, als ob sie gerade ein Auto bei einem Gewinnspiel gewonnen hätte.
Als ich mich neben sie stellte und ein Gespräch mit ihr begann, sah ich, dass noch weitere Kataloge auf ihrem Nachtschrank lagen.
Aber was machte die Frau so glücklich?

Sie plante ihre Beerdigung. All die Kataloge dienten dazu, sich Blumen, Grabsteine und Gravuren auszusuchen.
Und alleine die Tatsache, sich darauf vorzubereiten und es „am Ende“ so zu haben, wie sie sich es selbst wünschte, machte die Frau so glücklich.

Ich wette… hätte man die Frau gefragt, ob sie sich „krank“ fühle, hätte sie es verneint.
Solange es etwas gibt, was sie glücklich macht, gab es keinen Grund, sich „krank“ zu fühlen.

Diese Einstellung zum Leben fand ich äußerst bewundernswert.
Wie schnell vergessen wir, dass unsere Zeit gezählt ist und vergessen, die Zeit mit dem zu verbringen, was uns glücklich macht?!
Wie schnell lassen wir uns von „Wehwehchen“ aus dem Alltag reißen und jammern, was das Zeug hält?!
Ich selbst schließe mich da nicht aus.

Aber wie die Geschichte dieser Frau zeigt, gibt es auch noch am Ende genügend Dinge, über die man sich freuen kann.
Pläne, die man umsetzen kann.
Menschen, die man liebt und mit denen man bis zum Ende die Zeit teilen möchte.

Und manchmal kann man auch einfach nur darüber glücklich sein, dass man (noch) am Leben ist.

In diesem Sinne…


L.H.P.

Kommentare:

  1. Wow, ein toller Text, macht Spaß, deinen Gedankengängen zu folgen und du hast in den Dingen so recht!
    Liebe Grüße, Jana
    MeinBlog

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    1. Hallo Jana,

      danke für dein Kommentar :)
      Und schön, dass dir meine kleine Anekdote gefällt.

      Ganz liebe Grüße

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  2. Echt ein wundervoller und tiefsinniger Text.
    Liebe Grüße Fe

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