16. November 2014

Spontanität muss geplant werden...

Bevor ich erkrankte, gehörte ich zu den Menschen, die Schwierigkeiten mit Spontanität hatten.
Unangekündigter Besuch, spontane Verabredungen oder unerwartete Vorkommnisse, die meine eigentliche Tagesplanung durcheinander warfen, haben mich schon etwas gestresst.
Ich selbst weiß nicht einmal, wieso das so ist?! Ich vermute, dass das einfach eine 
Typ-Sache ist. 
Und ich gehöre eben zu den "Planern".

Noch heute ist es so, dass meine Woche eine gewisse Struktur hat. Es gibt bestimmte Tage, die für bestimmte Dinge "reserviert" sind. Zum Beispiel Einkaufen. Ich habe einen festen Tag, an dem ich plane, in den Supermarkt zu fahren, um meinen wöchentlichen Einkauf zu verrichten.
Auch fürs Wäsche waschen habe ich einen bestimmten Tag in der Woche festgehalten. 
Und natürlich darf es auch einmal vorkommen, dass ich von diesen Tagen abweiche, aber im Prinzip hab ich einen Plan, den ich "normalerweise" auch so abarbeite.



Zur Anfangszeit meiner Erkrankung war...

... an Spontanität rein gar nicht zu denken, da selbst die geplanten Tätigkeiten mir schon schwer fielen. 
Jeder Gang nach draußen war eine Tortur und musste sorgfältig "vorbereitet werden".

Heute ist das schon viel einfacher und für mich mit weniger Aufwand verbunden.
Allerdings gibt es noch immer Vorbereitungen, die ich (für mich) treffen muss, um unbesorgter und somit freier manche Dinge erledigen zu können.
Ein kleines Beispiel:
Mir steht eine längere Fahrt bevor (siehe hier) und diesbezüglich muss ich, als chronische "Angstpatientin", an so manche Dinge zuvor denken.
Die hauptsächliche Vorbereitung besteht darin, dass ich die Stunden vor Reiseantritt kaum etwas trinke. Warum? Damit ich für mich die Gewissheit habe, dass der ggf. auftretende Harndrang nicht auch noch durch eine wirklich existierende volle Blase provoziert wird. 
Des Weiteren ist es auch so, dass ich vorher etwas gegessen haben muss.
Warum MUSS? 
Wer schon mal eine Angstattacke hatte, wird wissen, wie man sich im Anschluss fühlt.
Ausgelaugt, schlapp, innerlich trotzdem angespannt und dennoch irgendwie kaputt, wie nach einem Marathon. Und wenn dann auch noch der Magen leer ist, fühlt es sich fast wie eine Art "Unterzuckerung" an. Da ich zuvor nie abschätzen kann, ob alles gut verläuft, möchte ich eben für mich die Gewissheit haben, dass dieses unangenehme Gefühl der Unterzuckerung nicht auftritt.

Das wären also die Dinge, die ich für mich abgeklärt wissen muss. 
Zusätzlich kommen natürlich noch solche Faktoren, die alle anderen Menschen auch betreffen... ist der Tank voll? Ist die Tasche gepackt? Sind die Haustiere versorgt? ...usw....

Aufgrund der oben genannt Vorkehrungen ist es für mich aktuell undenkbar, mich spontan ins Auto zu setzen und so eine Fahrt auf mich zu nehmen, wenn ich weiß, dass ich dafür "zu viel" getrunken und noch nichts gegessen hab. 
Es klingt lächerlich, aber auch das würde ich in die Kategorie "Zwangsstörung" einordnen.

Angstpatienten leider häufig unter Zwangsgedanken, die es ihnen ermöglichen, den Alltag zu "überstehen". 
Klassisches Beispiel:
Ein Patient hat Angst davor, dass ein Brand in seiner Wohnung ausbrechen könnte. 
Was tut er also? Er denkt über Dinge nach, wie: "Ist der Herd aus? Glimmt die Zigarette noch im Aschenbecher? Werden die Heizkörper zu heiß?..." 
Und was tut er dann? Kontrollieren... den Herd, den Aschenbecher, die Heizung....

Ähnlich ist das eben auch bei mir. 
"Hab ich zuviel getrunken? Muss ich noch etwas essen? Soll ich noch einmal auf Toilette bevor es losgeht?"
Also was tue ich? Es kontrollieren?!

Mich davon zu lösen wird noch eine lange Zeit und viel Arbeit in Anspruch nehmen. 
Aber auch das ist ein Ziel, was ich in Zukunft erreichen möchte.
Unabhängigkeit von Vorkehrungen und mehr Freiheiten im Bezug auf Spontanität.

Wie spontan seid ihr?

L.H.P.

Kommentare:

  1. Ich bin auch eher ein Planer - vor allem, wei ich Angst um mich habe. Wenn ich weggehe, sollte das ein paar Tage vorher feststehen. Es gibt aber Freunde, die jederzeit kommen dürfen :-) Außerdem mag ich extreme Unpünktlichkeit oder Unvorhersehbares überhaupt nicht .-) Das hat etwas mit Kontrolle zu tun - ich bin nich gern von anderen abhängig.

    Wenn ich widerum einen Tag frei habe, gestalte ich ihn gern spontan - ich gehe auch von jetzt auf gleich raus oder male ein Bild. Das sind Dinge, die ich mir einfach gönne :-)

    Vorbereiten tue ich mich vor Autorfahrten immer, aber nicht so krass. Mittlerweile kann ich zB. was essen. Wichtig finde ich, meinem Fahrer ne Info zu geben, dass die Angst kommen kann. Macht die Angst nich kleiner, gibt aber ein gutes Gefühl :-)

    Selbst in krassen Angst-Zeiten konnte meine Angst aber von starken Emotionen gekillt werden. wenn ich zB sehr wütend bin, kann ich spontan jemandem die meinung sagen :-) Daran sieht man, dass die Angst nur die unsicherheit kompensiert. Wenn ich so wütend bin, dass ich nur noch ein Ziel habe (nämlich recht haben :-) ), ist alles andere nebensächlich. Gleichzeitig hat die Wut auf Leute, die meinen Plan durcheinander bringen, Angst ausgelöst.

    Mittlerweile geht es aber :-) Das Leben pegelt sich Stückchen für Stückchen wieder ein und man kann... spontaner werden :P

    Und jetzt habe ich Hunger - denn ich weiß, dass mein Körper in den nächsten Minuten austickt und es mir nicht gut geht. Mein Körper hat auch einen Plan :P

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    1. Das klingt ja ganz so, als könntest du ansatzweise nachempfinden, was ich meine, wenn ich von "Vorbereitung" und "Spontanität stresst mich" spreche.
      Es tut gut zu wissen, dass es nicht mir alleine so geht ;)

      Ich muss sagen, ich beneide die Menschen, die wirklich spontan sein können.
      Die, die mit einer Reisetasche zum Flughafen fahren und dort gucken, wo sie am Ende hinfliegen.
      Die, die sich einfach ins Auto setzen und irgendwohin fahren.

      Andersrum ist es für mich auch irgendwie unverständlich, wie man so sein kann?!
      Was allerdings nicht negativ gemeint ist. Es ist für mich einfach nur nicht vorstellbar.

      Ich glaube aber auch, dass der Mensch einen gewissen Anteil an Spontanität braucht.
      Man muss eben heutzutage flexibel sein.
      Deswegen ist das auch ein weiteres Ziel, an dem ich arbeite :)

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