3. November 2014

Ein Pfirsich geht auf Reisen!

Und plötzlich tritt ein Mensch in dein Leben, der dir Kraft und Mut schenkt für das, was du so lange hast nicht glauben wollen. Ein Mensch, der den nötigen Anreiz gibt, über deinen Schatten zu springen und dich motiviert, etwas zutun, obwohl du so sehr daran zweifelst.
Und das alles, um dich am Ende davon zu überzeugen, dass es doch irgendwie funktioniert?!

Ich habe letztes Wochenende etwas getan, was ich 1. schon lange nicht mehr getan habe, 2. lange Zeit nicht tun konnte und 3. glaubte, nicht tun zu können.
Es geht um etwas, was für die meisten Menschen selbstverständlich oder wenig besonders ist.

Ich habe mich in mein Auto gesetzt und bin eine (für mich) lange Strecke gefahren. Eine Strecke, die ich zuvor nicht kannte und zu einem Ziel, was mir ebenfalls zuvor unbekannt war. 




Die meisten Leser werden sich jetzt denken "Wow... 54,5 km... was ist daran so besonders?".
Aber die Leser, die meine Geschichte schon etwas länger verfolgen und mich vielleicht sogar persönlich kennen, werden wissen, ...


...dass 54,5 km für mich eine große Herausforderung sind. (Siehe hier).
Bis vor 2 Monaten hätte ich jedem einen Vogel gezeigt, der zu mir gesagt hätte, ich würde bald so eine Strecke bewältigen. Womöglich hätte ich mit "Jaja... wenn dann als sedierter Beifahrer" geantwortet. 

Ich habe diese Strecke aus eigenem Antrieb auf mich genommen.
Die Fahrt hat insgesamt knapp 2 Stunden gedauert, da ich mich gegen die Autobahn und für die Landstraße entschieden habe. Über die Autobahn hätte ich womöglich ohne Stau (was jedoch ziemlich unwahrscheinlich gewesen wäre) etwa 40-60 Minuten gebraucht. 
Wieso also die Landstraße?
Weil es auf der Landstraße viel mehr Möglichkeiten für mich gibt, anzuhalten, wenn meine psychische Einschränkung dies verlangt. 

Die Fahrt war für mich gerade am Anfang ziemlich nervenaufreibend, weil ich schon vor der Fahrt ziemlich nervös und unruhig war. Die Sorge, ich könnte das Alles nicht schaffen und mich am Ende selbst enttäuschen, war relativ groß.
Nach den ersten 27 km und der ersten kurzen "Pause", merkte ich jedoch, dass die Anspannung immer mehr von mir abfiel. Ich hatte das Gefühl der Kontrolle und das gab mir die Sicherheit, die ich in dieser Situation brauchte. 
Ich entschied, wo ich fahren wollte. Ich entschied, wann ich eine Pause machen wollte. Und ich war es auch, die entschied, wann es sich gut anfühlt, einfach mal an einer Tankstelle vorbeizufahren, ohne darüber nachzudenken, ob ich nicht doch besser noch einmal halten sollte. 
Nach 3 Toilettenpausen auf dem Hinweg kam ich ziemlich erschlagen an meinem Ziel an. 
Und obwohl ich für mich so einen riesigen Schritt getan habe und obwohl ich allen Grund gehabt hätte, stolz auf mich zu sein, war ich erst einmal nur froh darüber, endlich angekommen zu sein. 


Nach einem wunderschönen Wochenende, musste ich mich natürlich auch wieder auf den Rückweg machen. Das hieß... 54,5 km wieder zurück. 
Da mir ja nun die Strecke einigermaßen bekannt war und ich wusste, was auf mich zukommt, verlief die Rückfahrt viel entspannter
Klar... die Gedanken an meine Blase tauchten immer mal wieder auf, aber ich hatte weder auf der Hin-, noch auf der Rückfahrt eine Angstattacke. Nicht einmal annähernd das Gefühl, ich müsste jetzt ganz, ganz dringend Anhalten. 

Als ich dann wieder zuhause war, kam auch endlich das Gefühl in mir hoch, dass ich etwas (für mich) ziemlich Großes geleistet habe. 
Ich selbst habe mich meiner Angst gestellt und habe die Initiative ergriffen. 
Ich habe es nicht vor mir hergeschoben oder mich davor gedrückt. 
Ich hatte einfach einen guten und für mich wichtigen Grund, diese Fahrt auf mich zu nehmen und gerade das hat mir bewiesen, dass ich vielleicht nicht alles so tun kann, wie jeder andere Mensch. Aber ich muss nicht darauf verzichten... ich muss einfach nur damit rechnen, ein paar Dinge anders zu planen. 
Und in dem Fall war es eben die Landstraße und die vermehrten Pausen, die für andere Fahrer höchstwahrscheinlich unnötig gewesen wären. 

Ich bin froh, dass ich nun wieder einen Grund gefunden habe, an mir und meiner Situation aktiv zu arbeiten. 
Und das, was ich letztes Wochenende geschafft habe, ist soviel mehr, als ich in den letzten 7 Jahren geschafft habe. 

Also heißt es zukünftig: Weiter so!

In diesem Sinne...

L.H.P. 



Kommentare:

  1. Super gemacht!
    Ich kenne das nur zu gut und fahre seit dem ich die Angststörung habe auch fast nur noch über die Landstraßen, aus den gleichen Gründen wie du.
    Nur an Tagen an denen ich mich richtig gut fühle wage ich den Weg über die Autobahn und bin immer ganz stolz, wenn ich problemlos am Ziel angekommen bin.
    Und stolz kannst auch du sein. Für außenstehende und nicht betroffene mögen das nur peanuts sein, aber ich denke jeder der die Krankheit kennt weiß die Leistung zu schätzen.
    Mach weiter so!!!
    LG Steffi

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    1. Hey Steffi,

      vielen Dank für dein liebes Kommentar.
      Ich bin beruhigt, dass du nachvollziehen kannst, wie es mir in solchen Momenten geht.
      So fühlt man sich doch nicht ganz so allein ;)

      Danke für die lieben und aufbauenden Worte :)
      Liebe Grüße
      L.H.P.

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  2. Da kannst du aber richtig Stolz auf dich sein. Das du das alles so klasse gemacht hast!
    Ich bin wirklich sehr erstaunt wie offen und ehrlich du mit deiner Ansgt umgehst und dafür hast du meinen vollen Respekt.

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    1. Hey Tashi,

      danke für dein Kommentar und die lieben Worte :)
      Offen mit meinem Problem umzugehen, hilft ja nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld.
      Somit hab ich ja eigentlich nichts zu verlieren ;)

      Liebe Grüße
      L.H.P.

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  3. Das ist toll, liebe Peaches. Nach dem letzten Selbstzweifel ist das doch ein tolle Wendung. Freue mich sehr für Dich.

    Liebe Grüße, Bee

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