15. Oktober 2014

Selbstzweifel

Jeder Angstpatient hat seine eigene Geschichte und jeder Angstpatient erlebt seine Angst ein Stück weit anders, auch, wenn die Symptome ähnlich erscheinen.
Und so unterschiedlich die Menschen auch sind, so unterschiedlich sind auch die Gründe für bestimmte Ängste.

Einige Menschen haben Angst vor Situationen und Dingen, die sie selbst nicht kontrollieren können (z.B. Flugzeugabstürze, in engen Räumen eingesperrt zu sein, von einem Hund angegriffen zu werden...).
Dann gibt es wieder Menschen, wie mich, deren Ängste viel mehr mit sich selbst zutun haben.
Manchmal bestehen die Ängste aufgrund von bestimmten Erlebnissen, vorherigen oder noch bestehenden Krankheiten und manchmal einfach nur aus Selbstzweifeln.



Selbstzweifel im Bezug auf sich selbst als Person (Aussehen, Charakterzügen, Defiziten...) oder Selbstzweifel im Sinne von "Ich traue meinem Körper nicht....".
Gerade Menschen, die eine Krankheit erlitten haben oder noch immer darunter leiden, leiden oft an der zweiten Variante.
Ich selbst habe Menschen kennengelernt, die...



... bereits an Krebs erkrankten, diesen besiegten, aber anschließend ihr Leben nicht mehr so frei weiterleben konnten, weil immer die Angst bestand, der Krebs könnte erneut auftreten. Ähnlich ist es mit Menschen, die in der Vergangenheit mal einen Herzinfarkt erlitten. Manche von ihnen haben es in den darauf folgenden Jahren nicht geschafft, ihr Leben so frei zu leben, wie zuvor. Immer wieder überkam sie die Angst, bei jeder kleinsten Anstrengung, bei jeder "ungesunden" Mahlzeit, könnte ein neuer Herzinfarkt auftreten und jeder Infarkt könnte "der Letzte" sein.

Was macht man also, wenn man seinem Körper nicht mehr traut? 
Sich einreden, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist? Aufgeben und einigeln? 
Natürlich wäre das eine Möglichkeit, schützt aber langfristig auch nicht davor, dass der Körper im schlimmsten Fall doch das tut, wozu er gerade "Lust hat". 
Und vielleicht sollte man sich auch die Frage stellen, ob das Leben noch lebenswert ist, wenn man zuviel Gedanken in die bestehende Angst investiert?!

(Ich selbst muss dazu sagen, dass ich natürlich aufgrund des Blogs mehr über mich und mein Befinden nachdenke, als es vielleicht andere tun. Aber wenn ich nicht gerade Blogposts schreibe und mich auch nicht gerade akut die Angst überkommt, lebe ich mein Leben (fast) wie jeder andere Mensch auch. Natürlich meide ich einige Situationen und bin eingeschränkter, als jeder "Normalo", aber den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn durchlebe ich wieder jeder andere auch. Ich denke nicht 24/7 an meine Erkrankung und bade in Selbstmitleid.)

Der Mensch ist ein Meister darin, sich selbst zu blockieren
Ich würde sogar behaupten, dass ein Angstpatient fast schon mit einem Leistungssportler zu vergleichen ist. 
Ein Leistungssportler trainiert viel, überwindet ständig seinen inneren Schweinehund und finden durch sich selbst den Antrieb, extreme Leistungen abzurufen.
Ein Angstpatient trainiert auch seine Angst, baut somit immer mehr die Blockaden auf, die ihm davon abbringen, das zutun, wonach ihm eigentlich ist und ist extremer Anstrengung ausgesetzt, wenn er seine Angst überwinden möchte.

Selbstzweifel sind immer Zweifel, die man meist auch nur selbst wieder los wird. 
Jemand, der sich hässlich findet, wird kaum jemandem glauben, wenn er gesagt bekommt, dass er hübsch ist. 
Jemand, der bereits einen Herzinfarkt hatte, kann 100 Mal vom Arzt bestätigt bekommen, dass er sein Leben "normal" weiter leben kann und wird trotzdem immer wieder diese Angst mit sich rumschleppen. 
Und auch ich kann mir zig Mal anhören, dass organisch alles in Ordnung ist, meine Nierenwerte top sind, ich auch keine Angst haben bräuchte, weil ich mir ja bisher nie in die Hosen gemacht habe und selbst wenn es passieren würde, davon die Welt auch nicht untergehen würde. Und dennoch besteht weiterhin diese Angst.

Was kann man also tun? Sich selbst darüber bewusst zu werden, dass das, was man befürchtet, eintreten könnte. Und man es eigentlich auch gar nicht verhindern könnte, selbst wenn man alles dafür tun würde, dass das eben nicht passiert?!
Und wenn man sich darüber im Klaren ist, sollte man auch hinterfragen, wie es einem im Anschluss geht. Wie geht man mit der Situation um? Wie würde das Umfeld reagieren? Wäre es wirklich so schlimm, wie befürchtet?
Und was hat man zu verlieren, wenn man sich seiner Angst beugt? Was könnte man gewinnen, wenn man gegen die Angst ankämpft?

Wenn man all diese Fragen für sich selbst beantwortet hat und zu dem Entschluss gekommen ist, dass da draußen eine Welt wartet, die entdeckt und erlebt werden möchte, so kann man auch für sich wagen, langsam die Fußfesseln loszuwerden und hinauszugehen ohne zurückzuschauen.
Und wenn ich langsam schreibe, dann meine ich es auch so.

Selbstzweifel kann man nicht von heute auf morgen durch das Beantworten von ein paar Fragen und ein paar Erkenntnissen über Bord werfen. 
So, wie man sich die Angst antrainiert hat, so muss man sich diese wieder abtrainieren. 
Und das erfordert viel Übung, Disziplin und auch die Erkenntnis, dass man manchmal einfach Fallen muss, um zu sehen, wie gut man wieder Aufstehen kann. 

Also... bleibt tapfer und trainiert weiter ;-)

L.H.P.




Kommentare:

  1. ich finde es wihtig besonders in dieser Sache Schritt für Schritt zu gehen. Um zu sehen: Ich habe mich XY überwunden -wenn auch nur ein wenig - was passiert. Wenn -so hofft man- positives daraus resultiert bekommt man Mut den nächsten Schritt zu machen usw.
    Und auf Dauer gesehen kann man auch mit vielen Schritten einen weg beschreiten. Hauptsache jedoch man schreitet voran :)

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    1. So denke ich auch. Nur, dass ich nicht mit dem Grundgedanken in die Situation gehe, dass etwas Positives daraus resultiert. Denn ich habe schon häufig die Erfahrung gemacht, dass gerade dann, wenn die Erwartungen so hoch sind, man schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird.

      Daher versuche ich es so zu sehen:
      Jeder Versuch etwas zu erreichen, ist schon das Positive. Denn es ist egal, welches Resultat dabei rumkommt. Schon allein die Tatsache, dass man es versucht hat, ist schon ein Erfolg :)

      Liebe Grüße

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