24. Oktober 2014

GASTbeitrag NR. 2 ("Petra" / Angststörung)

Meine Tochter war fast 3 Jahre, da wurde bei mir ein Geschwür am Gaumen diagnostiziert und mit dieser Diagnose starteten bei mir Ängste, die – so denke ich – jeder hat. Ist es gutartig, oder nicht? Und dazu habe ich natürlich auch im Internet gesucht, was mich alles andere als beruhigte. Es waren mir endlos erscheinende 2 Wochen bis ich das Ergebnis bekam, dass alles gut ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ziemlich hart im Nehmen, ich hatte schon einige Operationen hinter mir und war eigentlich ein Steh-Auf-Männchen. Doch die Tatsache, dass ich Verantwortung meinem Kind gegenüber habe, mein Kind erziehen möchte, es begleiten möchte, ihr unsere Werte vermitteln will, sehen will wie es groß wird..... das alles konnte mit einer Erkrankung vorbei sein.



Dass in meinem Mund alles soweit ok war, hat mir nicht geholfen mit dieser Angst vor Krankheiten und Sterblichkeit umzugehen. Ganz schlimm ging es mir, wenn mir schwindelig war, das löste bei mir sofort Panikattacken aus. Mein Blick wurde zum Tunnelblick. Überhaupt gefällt mir für meine Ängste und Panikattacken das Bild des Tunnels sehr gut. Ich nahm optisch um mich herum nichts mehr wahr, meine Angst hatte mich so im Griff, es war wie ein Sog. Ich würde mich als rational denkend bezeichnen, aber...



... Ängsten kann man mit Rationalität nicht begegnen. Ca. ½ Jahr nach der OP war es so schlimm, dass ich große Schwierigkeiten hatte, meine Tochter in den Kindergarten zu bringen. In meiner Not ging ich zum Psychologen, ich bekam ein Mittel, das die Angst relativ schnell blockiert und sehr wirksam ist, aber leider auch sehr abhängig macht. Diese Notfall-Medikation setzte ich nach einem Jahr ab, auf eigenen Wunsch. Zusätzlich startete ich eine Psychotherapie, doch leider versagte die Krankenkasse die Übernahme der Kosten, da es eine privat abrechnende Psychotherapeutin war, ich empfand die wenigen Sitzungen, die wir hatten als positiv. Dann wechselte ich zu einem Kassen-Therapeuten, der mir in der ersten Sitzung sagte, dass mein Problem meine überdurchschnittliche Intelligenz sei... daraufhin beschloss ich die Suche nach einem Therapeuten aufzugeben.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass mein damaliger Hausarzt mir überhaupt keine Hilfe war – ganz im Gegenteil, er vermittelte mir zwar die Therapeuten, aber wenn ich Symptome zeigte (fast egal welche) mit anderen Worten: krank wurde, wurde alles auf meine Ängste geschoben – alles war psychosomatisch. Das gab mir ein ganz schlimmes Gefühl, abgestempelt, verloren und frustriert. Retrospektive hat das zur Manifestierung meiner Ängste geführt - Du hast etwas, der Arzt guckt und stellt nach einem minimalen Aufwand fest, dass es gar nichts ist. Meine Gedanken schwirrten immer umher, was kann es sein, was bedeuten die Symptome, warum wird nicht in die Richtung XY gesucht?

Ein gutes Jahr nach der OP dachte ich, dass Arbeiten mir vielleicht gut tun würde, und ging halbe Tage wieder arbeiten, das war wirklich eine Herausforderung, denn ich musste raus, der Tag musste im Ablauf funktionieren und ich war abgelenkt. Die Ablenkung tat mir wirklich gut, gerade morgens bekam ich anfangs heftige Panikattacken, aber ich bin immer im Büro angekommen. Die Panikattacken kamen nach einiger Zeit tagsüber nicht mehr, dafür aber nachts. Ich wurde teils aus dem Schlaf gerissen vor Angst. Mein Mann, der meine Ängste von Anfang an sehr positiv begleitet hat, hat mich dann in den Arm genommen, als ich zitternd und steif vor Angst in meinem Bett lag. Leider gab es immer wieder Neues, das bei mir Ängste auslöste – ein anaphylaktischer Schock nach der Einnahme eines Antibiotikums oder Taubheitsgefühle in Armen und Beinen und und und.

Was mich sehr getroffen hat, ist, dass meine Tochter auf einmal wusste, dass ich Ängste habe in Bezug auf Krankheiten. Das wollte ich auf keinen Fall, dass sich nachher meine Ängste auf mein Kind übertragen. Ich suchte und fand einen neuen Hausarzt, der mir bis heute das Gefühl gibt, er macht alles und wenn dann nichts gefunden wird, kann ist das so akzeptieren, ich muss nicht selbst suchen, was kann das sein, sondern ich glaube ihm einfach. Das konnte ich früher nicht, denn alles war ja psychosomatisch. Als sich bei dem Schwindel und auch bei den Taubheitsgefühlen herausstellte, dass es ein orthopädisches Problem war, habe ich mich gefreut (klingt komisch, ich weiß). Vor Jahren tat sich noch eine große Baustelle auf: ich hatte starke Bauchschmerzen, teils unerträglich und über einen langen Zeitraum, auch hier kam natürlich wieder: Magen- und Darmprobleme sind die Klassiker der Psychosomatik. Aber auch die Bauchschmerzen hatten eine körperliche Ursache und somit vertraute ich Ärzten langsam wieder und mit diesem Vertrauen in einen Arzt klappt es. Das hat mich so erleichtert, dass ich seit 2-3 Jahren keine Panikattacken mehr habe. Manchmal spüre ich Angst in mir hochkommen, besonders wenn ich im Stau stehe, aber ich bekomme das hin. Lenke mich ab, telefoniere. Was sich bei mir generell als hilfreich erwiesen hat, wenn eine Panikattacke kommt: reden. Ich spreche dann nicht darüber, dass ich Angst habe, sondern über irgendetwas, Hauptsache es lenkt mich ab.

Man kann es schaffen, es ist schwer. Man fühlt sich mit der Angst sehr hilflos, wie ferngesteuert und ich glaube, dass es Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl häufiger trifft. Aber es gibt einen Weg, den jeder für sich finden muss.


"Petra"

Kommentare:

  1. Ich versuche mich zu entspannen. Reden lenkt zwar ab, löst bei mir aber die Angst nicht. Wie geht deine Tochter damit um?

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  2. Entspannung hilft mir nachts, tagsüber hilft mir das nicht. Reden verdrängt die Angst, ich muss mich sehr beherrschen anfangs, dass ich mich überhaupt auf ein Gespräch einlassen kann - nach 3-4 Minuten wirkt es aber. Meine Tochter weiß das heute nicht mehr wirklich, anfangs hat sie mich manchmal gefragt: Hast du Angst? Das war schlimm für mich, heute ist das kein Thema mehr.

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