7. März 2014

Reha Teil IV (Von Wasser zu Wald)

Als Kind gab es zwei Dinge, die ich besonders liebte....
... die Natur und das Wasser
Ich liebte es schwimmen zu gehen, habe dies auch über 7 Jahre zu meinem Sport gemacht und fühlte mich nie unsicher dabei. 
Als Teenager waren mir jedoch andere Sachen wichtiger, so dass ich mich mehr und mehr von dem Schwimmsport distanzierte. 
Und ein paar Jahre später trat meine Erkrankung auf, was dazu führte, dass schwimmen für mich undenkbar war. Wie sollte ich ins Wasser, wenn ich mir und meinem Körper selbst außerhalb des Wassers nicht traute?
Wie oft wurde mir in der Vergangenheit gesagt, dass ich keine Angst davor haben müsste, da es gerade dort nicht schlimm sei, sollten meine Ängste dort wirklich eintreten?! 
Aber ganz ehrlich ... so egal, wie dies manchen ist, ist es mir nicht. 

Und genau das gleiche Empfinden weckte die Natur für mich. Früher liebte ich es stundenlang im Wald zu spielen und mit meinen Freunden kleine "Abenteuer" zu erleben. 
Als dann meine Erkrankung auftrat, war selbst ein Waldspaziergang für mich undenkbar.
Jeder gelaufene Meter stellte eine Herausforderung für mich dar. 
Mein Angstgedanke war: Je weiter ich mich in den Wald begebe, desto weiter ist die nächste (rettende) Toilette weg.
Und auch hier würden viele Menschen jetzt sagen "Meine Güte... dann gehst du eben hinter den nächsten Busch!" 
Aber auch hier muss ich leider sagen, dass ich das nicht könnte. 
Einem menschlichen Bedürfnis außerhalb einer Sanitäranlage einfach so nachzugehen, ist für mich eine viel zu große Hürde, so dass die Angst natürlich immer mehr genährt wurde.

Nun ja... während der Reha wurde mir durch die Chefärztin tägliches Schwimmen angeordnet.
Und hier mein "kurzer" Bericht dazu:





"Als ich am Mittwoch bei der Chefarzt-Visite war, lief alles mal wieder anders, als gedacht.

Die Chefärztin begrüßte mich, nahm meine Daten auf und erfragte nochmals den Grund meiner Reha. Ich erklärte ihr meine Ängste und meine Gedankengänge. Erläuterte, welche Therapien ich bereits hatte und welche Erfolge ich in den letzten Jahren erzielte. Natürlich erzählte ich ihr auch, wo ich noch eingeschränkt bin und wie sehr mich das im Alltag belastet.

Die Chefärztin schien auf Anhieb mein Problem zu verstehen. Dann kam etwas, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Sie schaute mir in die Augen und stellte mir folgende Frage:

„Was würden Sie jetzt tun, wenn ich sie auffordern würde, mit mir ins Bad zu gehen und ich würde von Ihnen verlangen, sich im Stehen in die Hosen zu machen?“

Ohne, dass ich ansatzweise eine Kontrolle über meine Reaktion hatte, fing ich an zu Weinen.

Allein die Vorstellung löste in mir so eine Angst aus, dass ich meine Gefühle nicht mehr verbergen konnte. Dazu kam, dass ich mir auch lächerlich vorkam.

Aber die Ärztin erreichte genau das, was sie wollte. Sie traf den wunden Punkte und hakte immer weiter darauf rum, bis ich an einem Punkt war, wo ich zu jeder Therapieform bereit war. Sie erklärte mir, dass ich lernen muss, eine solche Situation ertragen zu können und somit die Angst davor verlieren würde. Das heisst nicht, dass ich genötigt werde, mir in die Hosen zu machen, sondern ich muss lernen, es zu akzeptieren, wenn so etwas jemals passieren sollte (wobei die Wahrscheinlichkeit aktuell gleich Null ist).

Der neue Therapieansatz ist seitdem eine Konfrontationstherapie. Sie fragte mich, was ich früher gerne getan habe, was ich heute vermeide und was auch innerhalb der Klinik möglich ist. Ich erzählte ihr, dass ich früher leidenschaftlich gerne schwimmen war und seit nun 5 Jahren nicht mehr ein Schwimmbad von innen gesehen habe.

Noch während des Gespräches ordnete sie Schwimmen bei mir an.

Somit war am Freitag meine erste „Schwimmstunde“.

Die Krankenschwester rief mich auf meinem Zimmer an und fragte, wann ich gerne schwimmen gehen möchte. Da ich total überrumpelt war, machten wir eine Uhrzeit aus.

Um 17 Uhr trafen wir uns im Schwimmbad. Der erste Gang zum Becken war eine große Hürde für mich. Nicht, weil ich Angst vor dem Wasser hatte, sondern weil ich nicht abschätzen konnte, wie mein Körper bzw. mein Geist darauf reagiert.

Ich ging langsam die ersten 3 Sprossen der Leiter hinunter, bis mein Unterkörper komplett im Wasser war. Ich ließ dieses bekannte und doch ungewohnte Gefühl einen Moment auf mich wirken und ging die letzten Sprossen hinab, bis ich bis zum Hals im Wasser stand. Das Schwimmbecken der Klinik ist zum Glück nicht sonderlich tief, so dass ich direkt festen Halt unter den Füßen hatte.

Im Wasser ließ ich mich erst einmal etwas treiben. Einerseits war ich unsicher und etwas verängstigt. Andererseits war ich ziemlich erleichtert und glücklich. Die Schwester forderte mich auf, ein paar Bahnen zu schwimmen, was ich dann auch tat. Übermannt von meinen Gefühlen kullerten die ersten Tränen meine Wangen hinunter. Nach 5 langen Jahren das erste Mal wieder das zu tun, was ich so sehr liebte und was ich mir selbst verboten hatte… dieses Gefühl ist mit keinem anderen Gefühl der Welt zu vergleichen. Insgesamt war ich 5 Minuten im Wasser. Wieso so kurz? Weil es doch eine sehr anstrengende Situation für mich war und ich trotz der ganzen Euphorie natürlich noch immer ängstlich und unsicher war.

Die Therapie ist so ausgelegt, dass ich mich langsam an die Situation gewöhne.

Erst 5, dann 10, dann 15 Minuten usw… bis (Zitat der Chefärztin) ich „nicht mehr raus“ möchte.

Für mich war dieses Erlebnis unheimlich wichtig und befreiend. Auch, wenn ich noch immer nicht angstfrei bin (und dies auch sicherlich nicht so schnell werde), war es zumindest ein Schritt in die richtige Richtung."


Zeiten (insg.)
31.01.2014 = 5 Minuten                   12.02.2014 = 35 Minuten          
01.02.2014 = 10 Minuten                 13.02.2014 = 40 Minuten
02.02.2014 = 15 Minuten                 14.02.2014 = 30 Minuten
04.02.2014 = 10 Minuten                 15.02.2014 = 35 Minuten
05.02.2014 = 20 Minuten                 16.02.2014 = 35 Minuten
06.02.2014 = 15 Minuten                 17.02.2014 = 35 Minuten
07.02.2014 = 25 Minuten                 20.02.2014 = 35 Minuten
08.02.2014 = 20 Minuten                 21.02.2014 = 60 Minuten
09.02.2014 = 30 Minuten                 22.02.2014 = 40 Minuten
10.02.2014 = 30 Minuten                 23.02.2014 = 45 Minuten
11.02.2014 = 35 Minuten                 27.02.2014 = 55 Minuten

Da jedes kleine Erfolgserlebnis meinem Selbstbewusstsein und meinem Selbstwertgefühl sehr gut getan hat, entschloss ich mich daraufhin, den Wald für mich zurückzuerobern.


Und auch hier erzielte ich kleinere Erfolge:
18.02.2014 = 30 Minuten            23.02.2014 = 50 Minuten
20.02.2014 = 40 Minuten            24.02.2014 = 45 Minuten
21.02.2014 = 40 Minuten            25.02.2014 = 50 Minuten
22.02.2014 = 45 Minuten

Was mir dies gebracht hat?
Die Erkenntnis, dass ich mir doch mehr zutrauen kann, als ich zuvor dachte.
Und die Erkenntnis, dass Handeln immer besser ist, als zu Vermeiden.

Was habt ihr als Kind sehr geliebt und euch (aus irgendwelchen Gründen) jahrelang vorenthalten oder verboten? 

L.H.P. 

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