27. September 2013

Veränderung der Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen, Absichten und Persönlichkeitsmerkmale eines anderen Menschen oder eines Tieres zu erkennen und zu verstehen. Man könnte es auch salopp mit dem Begriff "Einfühlungsvermögen" übersetzen. 
Einige Menschen besitzen relativ wenig davon, andere wiederum ziemlich viel.
Bei mir hat sich die Fähigkeit in den letzten Jahren stark verändert.
Als ich jahrelang im Krankenhaus gearbeitet habe, konnte ich das Leiden der Patienten nachempfinden, aber habe dies nie wirklich an mich herangelassen. Ich hatte eine gesunde Distanz und konnte den Menschen, die es nötig hatten, zur Seite stehen. Blut, Körperflüssigkeiten oder Ausscheidungsprodukte waren nie etwas, wovor ich mich so sehr ekelte, dass ich meine Arbeit nicht hätte erledigen können. Ich hatte auch nicht das Problem (wie viele in diesem Beruf ), dass ich die Sorgen und Ängste der Menschen "mit nach Hause genommen habe". 
Freizeit war Freizeit ... 

(Quelle: http://mediawandel.wordpress.com/)


Seitdem ich jedoch selbst unter einer psychischen Erkrankung leide, hat sich das Ganze in den Jahren schlagartig geändert. 
Früher hat mich alles irgendwie kalt gelassen ... Verletzungen anderer Menschen habe ich als nichtig abgetan, bei seelischen Problemen stand ich zwar den Personen bei, habe aber die Situationen eher schmunzelnd von außerhalb betrachtet (und nicht wirklich ernst genommen), der Tod eines Familienmitgliedes war für mich zwar traurig, aber ich habe mich nie wirklich damit auseinandergesetzt. 
Heute ist es eher so, dass ich kein Blut mehr sehen kann... schon allein die Vorstellung an bestimmte Ereignisse (die mit Verletzungen, Blut und Körperflüssigkeiten zutun hat) erzeugt in manchen Situationen ein Unwohlsein oder sogar Herzrasen und Schwindel.
Ich leide mit meinem Mitmenschen mit, kann mich aber genauso gut für sie mitfreuen (was zuvor auch eher selten vorkam). Bei Filmen und Musik kullern mir die Tränchen ... einfach so. Andersrum gibt es weiterhin Situationen, die mich vollkommen kalt lassen und ich aus Höflichkeit Empathie vortäusche.
Wie sich mein Verhalten bei dem Ableben eines Mitmenschen geändert hat, kann ich zum Glück noch nicht beurteilen. 
Oft wirke ich ziemlich kühl und "abgeklärt", aber was in mir vorgeht, sieht kaum jemand. 
Nicht mal die, die mir am nächsten sind, schauen hinter die Fassade (oder sie machen sich einfach nicht die Mühe).

Ich weiß nur, dass ich heutzutage für die Arbeit im Krankenhaus nicht mehr geeignet wäre. 
Mir fehlt die Distanz, das Leid der Anderen nüchtern zu betrachten. 
Selbst das Betreten eines Krankenhauses fällt mir schwer.
Ob ich diese Veränderung gut finde? Ich weiß es nicht ... es macht Einiges im Leben schwerer, aber die Fähigkeit mich mit Anderen freuen zu können, möchte ich auch nicht mehr missen. 
Was genau diese Veränderung hervorgerufen hat, ist für mich auch nicht eindeutig ersichtlich. 
Vielleicht ist es meine Erkrankung, vielleicht aber auch der natürliche, menschliche Reifungsprozess

Inwiefern andere Menschen schon eine solche Veränderung bzgl. der Empathie durchlebt haben, kann ich nicht beurteilen... ich jedoch finde es einerseits interessant, andererseits ein wenig beängstigend. 
Es ist für mich auch nicht abschätzbar, inwiefern sich dies noch in den nächsten Jahren verändern wird, aber ich würde mir wünschen, dass sich diesbezüglich ein gesundes Mittelmaß einstellt. 
Aber dies bleibt noch abzuwarten ....

L.H.P.



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